Mittwoch, 24. Juni 2009

Cannes: Wo führt das noch hin?

Es läuft seit Tagen die Werbe-Weltmeisterschaft und ich habe noch mit keiner Silbe darüber geschrieben. Vielleicht weil ich durch diese unglaubliche Cannes-Dynamik in meinem Computer wie paralysiert bin. 

Auf Twitter tickern im Minutentakt die Löwenmeldungen aus allen Richtungen ein. Ob von glücklichen oder unglücklichen Agenturchefs, von freudetrunkenen oder frustrierten Kreativen, ob von Produktionen, Juroren oder von der Presse.

Ein einziger Hype.

Ich verstehe jeden, der sich über seinen Löwen freut, denn für einen Werbekreativen gibt es keine schönere Auszeichnung.

Da wir so gut wie nichts eingeschickt haben, konnte ich dem Treiben mit einer gewissen virtuellen Distanz folgen. 

Bis heute abend (bzw gestern abend, es ist nach Mitternacht).

Ich hatte ein längeres Telefonat mit einem sehr geschätzten Kreativen, der Mitglied der Promo-Jury war (nein, der deutsche Juror war es nicht, der ist mir nicht bekannt).

Ich lauschte neugierig seinen Ausführungen über die Juryarbeit. 

Er meinte, dass er bei seiner Berufung in die Jury etwas skeptisch gegenüber der Kategorie Promotion gewesen sei, aber dass das unberechtigt war, denn die Juryarbeit selbst war inspirierend, weil man es mit „hochkarätigen“ Kollegen zu tun hat und viele davon relativ objektiv einschätzen konnten, was wirklich gut und relevant – und was eben nicht so gut und irrelevant ist.

Seine interessanteste Erkenntnis aber war, dass aus einer Kategorie, die früher von Erklärungspappen, Displays oder Aufstellern dominiert war, heute eine reine Filmjury geworden ist.

Promotion ist nicht mehr die klassische Verkaufsförderung am POS, sondern eine aktionistische wie interaktive Disziplin. Ganz nah oft an „integrated“, denn häufig werden viele, manchmal alle Register der online-/offline-Vernetzung gezogen.

Das macht auch Sinn.

Doch nicht nur einige brillante Ideen, sondern ebenso die Qualität der dazu nötigen Erklärungsfilme hat meinen Freund beschäftigt.

Da waren Unmengen von Clips, deren Produktion sich allein im geschätzten Bereich von € 20.000  abspielen dürfte. 

Professionelle Sprecher, Animationen, Bildbearbeitung, Schnitt, Inszenierung, Motion Graphics etc.

Wenn du nicht eine wirklich einfache wie geniale Idee hast, brauchst du ein professionelles Video, um den Löwen aus dem Käfig zu locken (habe ich schon mal an anderer Stelle erwähnt).

Nur: die finanziellen Dimensionen erschrecken mich dann doch.

Ganz abgesehen von der Zeit, die mit der Produktion drauf geht, so kann allein eine einzige Idee mit Einsendegebühren (in mehreren Kategorien) so um die € 25.000 kosten.

Hast du vier Ideen, liegst du bei € 100.000.

Viel Geld für einen Löwen.

Ob das jetzt der neue Maßstab ist, mag ich nicht beurteilen, doch für das Geld kann man in einer Agentur auch andere wichtige Dinge tun. 

Zum Beispiel ein gutes Team ein Jahr lang beschäftigen.

Da fragt man sich als Agenturchef schon, wohin soll das führen?

Muss man sich nicht wirklich andere Wege als Wettbewerbsrankings überlegen, um Kunden auf seine Kreativität aufmerksam zu machen?

Erfordert diese ganze Wettbewerbsblase nicht eine radikale Reform?

Ich habe darauf die richtige Antwort noch nicht gefunden.

Das Telefonat ist erst einige wenige Stunden her.

Im übrigen erwähnte mein lieber Freund noch, dass die deutsche Fake-Maschinerie in der Jury ein Thema war. Aber das wirklich nur am Rande.

Hier nun folgt ein erfolgreicher "Erklärungsfilm" für eine Kampagne, die neulich schon beim D+AD einen Black Pencil gewonnen und auch beim Clio abgeräumt hat. 

Ich bin mir sicher, dass sie in der Titanium-Kategorie in Cannes einen verdienten Löwen bekommen wird.

Irgendwie bilde ich mir ein, dass dieser Film vielleicht ja doch nur € 5.000 gekostet hat.

Erklärungsfilm „Million“ für das New York Department of Education. Agentur: Droga 5, New York.

Kommentare:

NatePortnoy hat gesagt…

"Im übrigen erwähnte mein lieber Freund noch, dass die deutsche Fake-Maschinerie in der Jury ein Thema war."

Um so erstaunlicher, dass die Tankquittung (VW/DDB) einen Löwen abgeräumt hat, wo sie doch zu Recht sogar auf dem ADC als Fake aussortiert wurde...

Anonym hat gesagt…

erfolg scheint zu kosten. ist ja im fussball nichts anderes.

ich würde lieber den einen film für 50.000 € so geil machen, das ich keine weiteren hin schicken müsste.

aber dann gibts ja noch die vorgestzten die alles besser wissen, was gewinnt, was ist gold und was nicht. am ende wissen sie natürlich doch nicht alles besser, aber dann ist es zu spät...

sb hat gesagt…

Auch nur so am Rande:

Ich wußte vorher nichts über »Million«, aber nachdem ich das Video jetzt einmal angesehen habe, glaube ich es immer noch nicht verstanden zu haben. Bzw. alles verstanden habe ich definitiv nicht, viel zu schnelle Einblendungen (liegt vllt daran, dass ich kein native speaker bin), kein unterstützender Kommentar.
Mehrinvestitionen in dieser Richtung können sich also lohnen. Denn ich bin etwas genervt, wenn ich mir so ein Video ein paar Mal anschauen muss, bevor ich überhaupt dessen Botschaft richtig verstehe.
Als Erklärungsfilm taugt dieses Video nicht.

Anonym hat gesagt…

Ich empfand den Film gut gemacht und leicht verständlich, bin kein native speaker.

Glaube auch nicht, dass das Video wirklich teuer war. Die paar Grafiken und Cuts bekommt man heutzutage doch recht günstig hin.

Was mich viel mehr irritiert ist, dass man nun schon Handys braucht um Schüler zum lernen zu motivieren... da läuft irgendwas falsch.

phigo hat gesagt…

was sich da jetzt tatsächlich auf dem handy alles abspielt, dass so motivierend sein soll, ist mir jetzt auch entgangen. Freie SmS, Freie Sprechzeiten? Downloads von ... Klingeltönen? Ganz im Ernst, ich finde die Idee etwas albern, vielleicht bin ich zu pessimistisch.
Aber ich wäre nicht wegen Frei-SMS in die Schule gegangen. Das erstaunlichste an dieser Idee finde ich nur, dass sie umgesetzt wurde, und nicht sofort wieder verworfen...

Fabian hat gesagt…

Unabhängig, wie man diese Idee findet.
Sie ist umgesetzt worden und scheint auch funktioniert zu haben. Um nichts anderes geht es.

Vor diesem Hintergrund verkümmert geradezu die Tankstellenquittungsidee von DDB. Selbst bei so einer "kleinen" Sache, schafft es die Agentur anscheinend nicht, sie dem Kunden zu verkaufen.
Bzw. sie selber zu produzieren, nein - sie existiert nur in Photoshop.

Jeff Goodby:
"When you get into a taxi and tell the driver that you're in advertising, they often ask you whether you've done anything they might be familiar with.

Well, have you?

Ironically, the more awards you've been winning these days, the more likely the answer is "No."

Anonym hat gesagt…

auch wenn der film nicht schlecht ist. er hätte nur dann was verdient zu gewinnen wenn es bewiesen wäre die 37%, die es nicht schaffen, zu veringern.

was bringt die tollste idee wenn es nicht funktioniert. und das ist so eine. sorry aber einfach nur daneben. das es natürlich in der presse einen hype darum gibt ist klar. es geht um unsere kinder. da hofft man ja immer das es gut ist. aber hier ist noch nichts bewiesen!!!

also einen preis hat diese arbeit nicht verdient!!! noch nicht!!!


man macht spicken einfach salonfähig. mehr nicht.

Anonym hat gesagt…

anscheinend hat es funktioniert...
dann sieht man doch schon die problematik!!!

entweder es hat funktioniert, dann wäre es großartig, oder nicht. halb und halb gibt es da nicht.

sind denn die, die es nicht geschafft haben weniger geworden? und wenn dann dank diesem tollen service?

ich glaube eher nicht.
man macht sich nur auf den kosten der kinder wichtig.

Anonym hat gesagt…

NIX GLAUBEN.
ENTWEDER DU WEISST ES ODER NICHT.

SZ hat gesagt…

@Nate: No jury is perfect.

SZ hat gesagt…

Zu "Million" kann ich nur sagen, dass die Aufgabe perfekt gelöst wurde. Die Lern- und Leistungsschwäche von Schülern wird mit einem kostenfreien Handy und mit einer Art Miles-and-More-Paket, dass sich nach ihren Leistungen definiert, verringert. Sie können ihren Erfolg sofort in freie Calls oder sms auf ihrem Handy ummüntzen.
Klingt hinterher einfach, muss man vorher aber erst einmal durch- und umsetzen.
Und selbst wenn ich verstehe, dass man über das lasche Lernverhalten der amerikanischen Jugendlichen den Kopf schüttelt: die Aktion ist absolut zielgruppengerecht. Ich könnte mir bei meinen Handy- und sms-abhängigen Kindern auch vorstellen, dass die das motiviert.

Anonym hat gesagt…

ich halte dieses projekt für moralisch bedenklich.
wo sind wir nur gesellschaftlich hingekommen das wir jetzt sms als belohnung ausgeben.

sorry aber keiner lernt für den anderen, sondern für sich selber. und wenn man das nicht kappiert klappt es sowieso nicht.

ich dachte ja am anfang das mal da sich hilfe oder tipps per sms holt. aber so scheint es ja nicht zu sein. um so besser du in der schule bist um so mehr darfst du kostenlos telefonieren?!

und das wird jetzt noch ausgezeichnet. weil irgendwelche typen und glauben das es ne super werbeidee ist?

woher weiß man denn das es funktioniert???
WOHER??? es geht darum das die kinder besser werden. nicht in einem tag, oder monat sondern über längere sicht. gibt es darüber studien?
das die marke absahnt ist ja klar. aber wenn das die botschaft sein soll...

Anonym hat gesagt…

Wieso Löwe? Wieso verdient?
Ich versteh den Case überhaupt nicht,
man verteilt eine Millionen Handys...ok klar, Cannes!

Anonym hat gesagt…

wow, sehe ich das richig? LLR hat 9 Löwen?

Was machen die, das ihr nicht macht? :) Würde das euch/ dir ja auch mal wünschen.

meistermochi hat gesagt…

habe gelesen, dass sie (LLR) insgesamt weniger als 10.000 euro ausgegeben habe. stimmt das?

SZ hat gesagt…

@anon16:34: ja, sieht so aus, herzlichen Glückwunsch an die Kollegen LLR.
Die haben das Goldideen-Spiel dieses Jahr wirklich sehr geschickt und scheinbar auch sehr effizient gespielt. Hatten eine gute Schule. Wir? Wir sind vielleicht nicht besessen genug.

SZ hat gesagt…

@meistermochi: k.A.