Freitag, 24. Juli 2009

Wieviel Grad hätten Sie denn gern?

Es gibt wenig Briefings von Kunden, in denen nicht der Begriff “360˚-Werbung” vorkommt.

Formulierungen wie

"Entwickeln Sie eine 360˚-Kampagne" oder

"Denken Sie 360˚-Aktionen aus" oder

"Wir erwarten auch, dass Sie 360˚ Maßnahmen vorstellen"

sind inzwischen Standard.

Neulich saß ich mit Bernhard Lukas von LLR beim Lunch und wir kamen irgendwie auf das Thema 360˚ und die Erwartungen von Kunden diesbezüglich zu sprechen.

Wir teilten beide die Erkenntnis, dass diese Briefing-Formulierungen eigentlich total redundant sind.

Die meisten Kunden können sich vielleicht gerade mal 30˚ von 360˚ leisten. Oder ihre Aufgabe erfordert eigentlich nur 15˚.

Die Frage ist immer: welche 15˚ oder 30˚ genau?

In diesem Terminus bleibend kann man festhalten, dass die Agentur von heute eigentlich den richtigen Blickwinkel für eine Marke finden muss.

Oder – wenn auch etwas sinnentfremdend beschrieben – die richtige Temperatur.

Natürlich weiß jeder Agenturmensch, was der Kunde mit 360˚ eigentlich meint. Dass man auch in anderen Disziplinen wie den klassischen (und inzwischen auch klassischen digitalen) Medien denkt.

Guerilla. Ambient. Games. PR. Event. Direkt. You name it.

Die Erfahrung zeigt allerdings, dass sich Kunden hier in Deutschland immer noch schwer tun, wenn man dann später in der Präsentation mit ganz unerwarteten 25˚ auftaucht, die zudem überhaupt nicht in den klassischen Medien spielen.

Sie tun sich weiter schwer damit, wenn sie merken, dass dieser Winkel mehr Arbeit bedeutet als die rein klassische Perspektive. Und dass man teilweise auch nicht dezidiert messen kann, ob es Erfolg bringt, wenn man in der hintersten Ecke des Webs eine geniale Idee zündet.

Es ist oft Unsicherheit, die Kunden diese Formulierung schreiben lässt. Sie meinen zu wissen, dass die reine klassische Werbung ihre Wirkungskraft verloren hat und haben gehört, dass sich eine Marke von heute nur noch nicht-klassisch bewegen muss.

Da irgendwo zwischen 0˚ und 360˚.

Viele von uns Kreativen bewegen sich längst zwischen den Disziplinen. Die entscheidende Frage heute heisst: welche Gradzahl ist für den Kunden die richtige.

Hier spielt Media eine entscheidende Rolle.

Als Agentur und als Kreativer hat man oft ein gutes Gespür, welche Medienkombi (oder Gradeinstellung) für die entworfene Kampagnenidee die richtige ist.

Doch dann passiert es. Der Kunde kauft die Idee, brieft seine Mediaagentur, welche zu der Feststellung gelangt (oh Wunder), dass die von der Kreativagentur vorgeschlagene Medienkombi so gar nicht die gewünschten Kontaktwerte erreicht.

Und schwupp ist man wieder in der ewigen Quantität-/Qualitäts-Diskussion mit Kunden und Medialeuten, in der man als Kreativer oft den Kürzeren zieht, weil der Kunde am Ende des Tages lieber auf die Zahlen hört. Das kann man den Vorständen einfach besser verkaufen.

Wohl dem also, der schon bei der Entwicklungsphase die Medialeute mit ins Boot holen kann.

Für viele Marken mit € 0 bis € 2-3 Mio. Jahresbudget geht es heute nicht mehr darum, eine Kampagne zu entwicklen, die jeder sieht, sondern die richtige Kampagnen-Nische zu finden, die möglichst viele Zielpersonen sehen.

In diesem Sinne:

Ein schönes Wochenende mit hoffentlich 20 bis 30˚ – ausserhalb der Agentur.



Die wunderbare und "mehrere Löwen schwere" sogenannte „360˚”-Idee “The Lego Codes” für My Toys von LLR, Hamburg. Aber wieviel Grad deckt sie jetzt ab?



Vor einem Jahr wurde auf YouTube schon gezeigt, wie man einen QR-Code aus Legosteinen gebaut. Vielleicht die Inspirationsquelle für die Kampagne oben? Wenn ja: optimal eingesetzt.

Mittwoch, 22. Juli 2009

Das richtige Timing beim Film.

In Deutschland durchleben wir gerade das 20-Sekunden Zeitalter, wenn es um TV-Spots geht. Aus Budgetgründen buchen viele Kunden nur noch kleine Formate.

Das ist für Kreative kein besonders schönes Format, denn in dieser kurzen Zeit lassen sich mit all den visuellen Pflichten (Packshot, Logo, Claim), die man in so einem Film erfüllen muss, meistens keine Geschichten erzählen. Geschweige denn Emotionen erzeugen. Meistens sind es nicht mehr als kurze Vignetten, die man in so kurzer Zeit konstruieren kann.

Ich habe mich darüber bereits ausgelassen. Wen es interessiert: hier und hier. Letzterer ist übrigens einer der meitsgeklickten Beiträge überhaupt in diesem Blog.

Durch das Aufkommen der viralen Spots hat sich bei der Zeitbeschränkung allerdings einiges verändert, denn hier sind längere Filme bekanntlich möglich. Dennoch muss man auch bei langen Formaten nicht glauben, dass das Timing egal ist.

Es gibt viele Virals, bei denen man sich die Pointe zu lange erarbeiten muss. Dadurch verliert sie. Man will den Spot im schlimmsten Fall nicht noch mal ansehen.

Bei dem folgenden Spot ist das Timing optimal gelöst.

Es ist ein Film gegen Drogen am Steuer. Der Film beginnt sehr banal, aber man meint zu spüren, dass gleich etwas Schreckliches passieren wird.

In dem Moment allerdings, wo man es schon aufgegeben hat zu glauben, dass etwas Schlimmes passiert, passiert es.

Hartes Thema, harte Pointe, guter Film.




Der Spot „Swap“ für die Transport Accident Commission von der Agentur Grey, Melbourne.

Dienstag, 21. Juli 2009

Nachtrag: Schmunzler für zwischendurch.

Hier folgt der zweite Spot für die Panasonic Lumix aus Australien. Letzte Woche hatte ich euch ja schon die erste Version reingestellt. Nummer zwei ist natürlich noch eine Spur härter.

War vielleicht die Wettbewerbsversion, die man mitgedreht hat.

Oder der Kunde hatte einfach Spaß daran.

Verständlich.

Montag, 20. Juli 2009

Schlafen im Job.

Bei mir kommt es kurz nach dem Lunch. Die Augenlider werden so verdammt schwer. Ich fühle mich unendlich müde. Es kann dann passieren, dass ich diese Müdigkeit durch den Rest des Nachmittages schleppe und mich nicht mehr richtig konzentriert fühle.

Wenn es genug Adrenalin in den Nachmittagsmeetings gibt, geht es natürlich schnell vorbei. Wenn nicht, wird es zäh.

Mich hat immer schon genervt, dass ich nicht mal irgendwo kurz eine Runde in der Agentur pennen konnte. Bei einigen Agenturen war das sogar total verpönt.

Wir haben in unseren neuen Agenturräumen deshalb zwei Schlafzimmer eingerichtet.




Eines von zwei Schlafzimmern bei Leagas Delaney Hamburg.

In diese Räume kann sich jeder Mitarbeiter zurückziehen und einen 15 bis 20 Minuten Schlaf abhalten.

Danach fühlt man sich definitiv besser. Die Lidschwere ist verschwunden. Der Rest des Tages wird viel effektiver (weil konzentrierter) genutzt.

Es gibt Untersuchungen von Wissenschaftlern, dass der Probant besser denkt, der ausgeschlafen hat. Besonders in Sachen Kreativität schnitten die Teilnehmer viel besser ab als die müde Konkurrenz. Und das Rapid Eye Movement (schnelle Augenbewegung) wird sowieso schon länger für das kreative Denken mit verantwortlich gemacht.

Der Kurzschlaf ist das ideale Energieauflade-Instrument.

In Japan heisst er Inemuri – was übersetzt “schlafend präsent sein” bedeutet.

Ich kann das nur bestätigen, denn als ich vor rund 18 Jahren mit einem überfüllten Zug von Tokyo nach Kyoto gefahren bin, schliefen die Japaner während der Fahrt im Stehen. Während mein Begleiter und ich die einzigen waren, die sich vor Müdigkeit auf den Boden flezten, standen selbst betagte Japaner die ganze Fahrt durch.

Und schliefen.

Wir Europäer kennen den Kurzschlaf am ehesten unter dem Begriff “Siesta”. Das bedeutet die sechste Stunde zur Mittagszeit. Sie wird den Menschen in südlichen Ländern wegen der hohen Temperaturen zugestattet. Und wenn man da arbeitet, weiß man auch, dass das absolut Sinn macht.

Die spanische Wirtschaft plant aber wohl, die lange Pause von 14 bis 17h zu verkürzen, um ihre Effektivität zu steigern. Zwischen 20 Minuten und 3 Stunden ist denn auch ein gewisser Unterschied.

Ich glaube an die Kraft des Schlafes während der Arbeit. Er sollte nur nicht von 9 bis 18h dauern.

Freitag, 17. Juli 2009

Das große Inspirations-Wettrennen.

Wer hat den neuesten schrägen Film? Die neueste digitale Technologie? Das neueste unglaubliche Banner? Die neueste überraschende Umfrage? Das neueste verrückteste Foto?

Wer hält sich gerade am neuesten ungewöhnlichsten Platz dieser Erde auf (mit Foto, versteht sich)? Wer macht die neueste abscheuliche Erfahrung? Und natürlich überhaupt:

Wer liefert den neuesten lobomäßigen Spruch?

Da findet inzwischen ein Wettrüsten der Inspiration statt. Da, im Internet. Da, in den sozialen Netzwerken (Facebook, Twitter, MySpace, etc.).

Jeder will einen möglichst witzigen oder smarten Text loslassen. Jeder möchte möglichst kreativ sein. Jeder möchte seine follower natürlich als erster zum Neuesten vom Neuesten in der Kommunikationsbranche verlinken.

Um was zu sein? Vielleicht, um absolut uptodate dazustehen?

Weil nun fast alle das wollen, wiederholen sich viele.

Allein der der Film unten wurde auf Facebook und Twitter schon zehn Mal von verschiedenen Leuten, Agenturen oder Chefbloggern, die ich verfolge, lobend erwähnt (hat zumindest den Vorteil, wenn man einen verpasst oder überlesen hat, kriegt man es beim zweiten oder dritten mit).

Da ich das aber genauso mache, komme ich mir langsam etwas bescheuert vor.

Große Frage: Lerne ich da was oder verplempere ich nur meine Zeit?

Kleine Antwort: beides.

Vielleicht wäre es ja eine neue Geschäftsidee, all die Tausende von Twits, Facebook- und MySpace-Kommentare täglich nach Branchen zu filtern und alles komprimiert in einer einzigen Website chronologisch zur Verfügung zu stellen.

Doch während ich das schreibe, wird es diese Idee wohl auch schon längst geben.

Ich muss gestehen, dass es schon sehr nützlich ist, über diesen sogenannten „Social Search“ (man fragt nicht Google, wenn man was wissen will, sondern seine sozialen Netzwerke) sehr rasch an die neuesten Informationen kommt.

Aber es ist auch Stress. Es kostet Zeit. Und hält mich vielleicht davon ab, eine gute Idee für meine Kunden zu haben.

Obwohl, vielleicht inspiriert es mich ja doch (nicht zum Plagiat, sondern zu etwas ganz Neuem).

Scheiss Zwiespalt!

Ok, ein Gutes hat es auf jeden Fall: Ich verstehe besser, warum es Seeding-Agenturen gibt.

Die verkaufen den Bloggern, Twitterern oder Facebookern, die "wichtig" sind, exklusive Informationen. Macht Sinn bei der Problemlage (siehe oben).

Bis gleich also, im sozialen Netz.

PS: Noch eine Geschäftsidee sind Entziehungskuren für Facebook- oder Twitterabhängige. Gibt es schon? Als hätte ich es gewusst!



Der Film „Copper“ von der Agentur boondoggle. Von vielen meiner follower wärmstens empfohlen. Nichtsdestotrotz: sehenswert.