Seit geraumer Zeit tauchen Wettbewerbsausschreibungen immer häufiger im Internet auf. Besonders öffentliche oder staatliche Einrichtungen nutzen das Web, um ihren gesetzlich vorgegebenen Ausschreibungsregeln „gerecht“ zu werden.
Je nach Ausschreibung gibt es einen vorgelagerten Filter, der für den Kunden klärt, ob die Agentur die in Frage kommende Aufgabe bewältigen kann (Größe, Mitarbeiter, Kunden, Know How, etc.).
Wir haben die Erfahrung gemacht, dass schon die Bearbeitung dieses Filters nicht unerheblich Zeit und Aufwand erfordert.
Passiert man ihn, erhält man online das Briefing.
Da es keinen realen Ansprechpartner gibt (höchstens eine Assistentin, die logistische oder organisatorische Fragen beantwortet), mit dem man über die Ziele, Probleme, Hintergründe und Möglichkeiten der Marke reden kann, fällt das komplett weg, was bei einer „klassischen“ Vorgehensweise das Salz in der Suppe ist.
Der nicht geschriebene Input.
In Gesprächen mit den Vertriebs- oder Marketingverantwortlichen erfährt man oft Dinge zwischen den Zeilen, die Stoff für eine tragfähige Strategie sind. In einem Nebensatz kann eine Information zu Tage kommen, die Grundlage für eine ganze Kampagnenidee sein kann.
Im digitalen Zeitalter scheint diese Qualität auf dem Altar des Wandels geopfert zu werden. In der Not stürzen sich Agenturen natürlich in die ein oder andere online Ausschreibung – auch um Erfahrungen zu sammeln, wie sich dieser neue Prozess anfühlt.
Was ich bisher erfahren konnte, so fühlt er sich höchst oberflächlich und unseriös an.
Oberflächlich, weil man als Agentur wichtige Informationen und Hintergrunderfahrungen nicht ergründen kann.
Unseriös, weil eine wahnsinnige Energie verschwendet wird und der Anstand einer geschäftlichen Zusammenarbeit mit Füßen getreten wird.
So gibt es große Ausschreibungen, an denen sehr viele (auch renommierte) Agenturen teilgenommen haben. Es haben viele Leute viele Tage an dem Projekt gearbeitet, um es dann am Tag X an eine Person (besagte Assistentin) zu schicken.
Dann hört man nichts mehr.
Wenn man Glück hat, liest man Monate später in der Fachpresse, wer den Pitch gegen welche Finalisten gewonnen hat.
Aber man bekommt keine offizielle Absage.
Keinen Kommentar, warum die eingesandte Präsentation nicht in die engere Wahl gekommen ist.
Nichts.
Mir erscheint so ein laxer Umgang mit den Ressourcen von Agenturen fahrlässig und respektlos.
Es spricht nichts dagegen, wenn ein Kunde das Netz nutzt, um Agenturen nach der Eignung für seine Aufgabe zu selektieren.
Es mag für den einen oder anderen Kunden sogar Sinn machen, mit einem Internet-Auswahlverfahren erste Ideen zu prüfen um zu sehen, ob die Art und Weise, wie eine Agentur kreativ an die Aufgabe rangeht.
Um dann einen kleinen Kreis von Agenturen noch mal persönlich zu treffen und über die Aufgabe zu reden.
Dagegen finde ich es fraglich, einen großen Pitch über das Internet auszurufen, womöglich über hundert Agenturen in einen zeit- und kostenaufwendigen Arbeitsprozess zu schicken – um dann die Präsentationen sang- und klanglos in irgendwelchen Archiven verschwinden zu lassen.
Ganz abgesehen davon, dass in einer persönlichen Präsentation einfach viel mehr Details und Emotionen einer Kampagne vermittelt werden können.
Klare Entgegnung: man muss ja nicht mitmachen.
Aber in Zeiten wie diesen will man sich natürlich den ein oder anderen Blue Chip Pitch nicht entgehen lassen und denkt darüber nach, es doch mal zu probieren.
Da empfinde ich eine Onlne-Idee von Turkish Airlines in Istanbul wenigstens so clever, dass sie die Suche der Marke nach der richtigen Agentur ein Teil der Kampagne werden lässt.
Sie haben das Briefing für einen neuen online Job im Netz versteckt. Agenturen können es in einer virtuellen Schnitzeljagd entdecken. Wer es finden will, muss aber gewisse Fähigkeiten entwickeln, auf die der Kunde bei der Bearbeitung des neuen Jobs wert legt.
Wer es mag.