Donnerstag, 8. Juli 2010

Deutsches Abteilungsdenken.

Das Unitsystem von Springer & Jacoby hat in der deutschen Agenturlandschaft eine gewisse Berühmheit erlangt. Es wurde damals erfunden, um einen riesigen Agenturdampfer in viele kleine Schnellboote zu verwandeln.

Durch die Schaffung der Units als eigene GmbHs wurde zum einen erwirkt, dass die typischen Hierarchie-Marathons und Wasserkopf-Symptome grosser Agenturen abgeschafft wurden. Und dass die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt wurde – bei gleichzeitiger Erhöhung der Motivation.

Viele Agenturen haben das nachgemacht. Sie haben ihre Abteilungen nur anders genannt.

Man hat das Gefühl, dass der Deutsche generell mehr als andere Volksstämme dazu neigt, alles in Abteilungen zu packen.

Eine andere Ausprägung dieses Denkens erfuhr die Kommunikationsbranche vor rund 10 Jahren, als das – nennen wir es mal – digitale Geschäft ein Bereich der Zukunft auch für klassische Agenturen zu werden versprach.

Viele Agenturen gründeten digitale Units (ob als Abteilung in der Agentur, als eigene GmbH oder als Zukauf einer bestehenden Agentur) und wunderten sich dann, dass a. diese Units nicht richtig aus dem Quark kamen und b. die Zusammenarbeit mit der Klassik nicht funktionierte.

Heute sind die meisten dieser digitalen Abteilungen wieder geschlossen oder in den Bauch des Dampfer wieder einverleibt worden.

Der Denkfehler dabei war, dass der grosse Kreative (und damit die grosse Idee) immer schon ein Generlist war. Er muss sich mit online und offline so beschäftigen wie früher der Print-Kreative mit TV, als das Privatfernsehen aufkam.

Und während die Aufteilung bei S+J (zumindest am Anfang) eine Aufteilung von einem Generalisten-Dampfer in viele kleine Generalisten-Boote war, erschien die Trennung von offline und online Kommunikation als wenn man TV und Print in verschiedene Konzeptions-Abteilungen packt.

Immer wieder nutzen Agenturen die Neukreation von Abteilungen dazu, sich in der Presse zu profilieren nach dem Motto: guck mal, wir können nun auch das. Oder jenes. Oder dieses.

Als ob Kunden darauf abfahren. Im Gegenteil, Kunden denken, dass sie jetzt noch mehr bezahlen müssen oder die Agentur zusätzliches Geschäft angraben will.

Natürlich macht es heute mehr Sinn als jemals zuvor, Leute von verschiedenen Disziplinen zusammen zu führen. Spezial Know How oder die neuesten Entwicklungen kann man als Generalist nicht jederzeit auf dem Radar haben. Aber man muss die Leute kennen oder um sich scharen, die das in ihrer Nische tun.

Nur sollte man sich hüten, alles gleich in GmbHs zu packen.

In der Kreation ist nur eine GmbH von essentiellem Charakter. Die GmbH Idee.

Kommentare:

FZettel hat gesagt…

Mich würde ja mal interessieren, was Ihre Wut auf GmbH-Gründungen ausgelöst hat...

SZ hat gesagt…

Wut? Ich habe nur meine Zweifel an der räumlichen und manchmal auch geschäftlichen Trennung von online und offline geäußert.

drikkes hat gesagt…

In diesem Zusammenhang ganz interessant:
"Künftig soll es bei DDB nicht mehr das etablierte Kreativduo aus einem Texter und einem Artdirektor geben. Stattdessen setzt die Agentur auf ein "Kompetenz-Trio aus Stratege, Konzeptioner und digitalem Kommunikationsprofi". Damit will die Agentur nicht weniger als "eine gezielte Antwort auf die aktuelle System- und Strukturkrise der Kommunikationsbranche geben", teilt sie mit."
(via horizont.net/)

Anonym hat gesagt…

Würde mich nicht wundern, wenn eben diese Meldung der Anlass für Stefans Beitrag war;)