Mittwoch, 19. November 2008

Wenn die Exekution zur Idee wird.

Wir leben in einem technologischen Paradies. Es gibt heute quasi nichts, das man nicht irgendwie visualisieren könnte. Damit sind unseren kreativen Vorstellungen praktisch keine Grenzen mehr gesetzt – außer vielleicht budgetäre Grenzen.

Es fällt auf, dass von den herausragenden Spots, die man das Jahr so über sieht, sehr viele durch eine ungewöhnliche technische Umsetzung glänzen. Auch im Print-Bereich gibt es immer mehr Möglichkeiten, das Unmögliche darzustellen.

Die Helden unserer Zeit sind immer weniger die Filmleute und die Fotografen, sondern immer mehr die "Post Produktioner".

Aber zugleich sind die auch Verlierer.

Es schießen immer mehr und immer neue Post Produktionen aus dem Boden, weil das technische Equipment finanziell darstellbarer wird. Und es wird teilweise immer einfacher, Animationen zu realisieren.

Die Betonung liegt auf teilweise.

Die Gefahr dabei ist, dass sich viele Kreative im blinden Gottvertrauen auf die Technik verlassen (irgendwie kriegen wir das später ja hin). Viele Ideen morphen dann in der Umsetzungsphase – aber nicht zu einer Augenweide, sondern zu Augenkrebs.

Grund: es stand nicht genug Budget, Zeit und Talent zur Verfügung, um die gewünschte atemberaubende Exekution auch so auszuführen, dass sie atemberaubend wird.

Ich habe neulich folgenden Spot gesehen und war sehr angetan von der simplen, aber ungewöhnlichen Umsetzung:



TV-Spot „Touch“ für Skittles, Agentur TBWA/Chiat Day, New York.

Was mich – im Gegensatz zu dem Werk oben – bei vielen von der Exekution dominierten Skripts oder Spots so stört, ist, dass am Ende immer ganz wenig Hirn in den Pay-Off gesteckt wird.

Gerade habe ich wieder ein optisch opulentes Audi-Werk für den neuen Q5 gesehen – mit dem schwülstigen Satz: Technisch perfekt synchronisiert.

Hä? Wie?

Das ist, als würde man zu einem schicken Prada-Anzug ein paar Ecco-Schuhe tragen.

Hier ein anderes Exekutions-Highlight – bei dem auch die Zeile am Ende sehr gut exekutiert wurde (und zwar im Kopf).



TV-Spot „Dot“ für Guiness, Agentur BBDO London.

Die Kunst bei der Entwicklung solcher Filme ist, an die Kraft der Umsetzung zu glauben und sowohl die Kollegen/Chefs als auch den Kunden davon zu überzeugen.

Dazu braucht man sehr gute Beispiele/Moods und sicher auch das ein oder andere Vorgespräch mit Produktionen.

Gerade letzte Woche habe ich mit dem Geschäftsführer einer Post Produktion gesprochen, der bitter darüber klagte, dass die Kreativen sich sehr selten mit ihm und seinen Leuten zusammen setzen, um schon vorher (!) zu überlegen, wie man gewisse Dinge umsetzen kann.

Er bekommt in 95% aller Fälle von hilflosen Agenturen (oder auch Filmproduktionen) nur noch irgendwelche Skripts mit irgendwelchen Exekutions-Vorstellungen auf den Tisch geknallt, die zu einem illusorisch niedrigen Budget in illusorisch knapper Zeit umgesetzt werden sollen.

Entweder flickt man dann am Computer mühsam etwas zusammen. Oder es geht gar nicht.

In der Tat muss man sich häufiger überlegen (und da fasse ich mich selbst an die große Nase), ob es bei gewissen Aufgaben nicht Sinn macht, das Briefing mal an einen 3D-Designer oder Operator zu geben. Oder sich mit denen gar zum Brainstorming mal einen Nachmittag zurück zu ziehen.

Bei dem Gespräch mit besagtem Post-Produktioner fiel mir wieder die ewig alte Legende aus London ein, in der sich Agenturkreative mit Filmleuten, Fotografen oder Postlern abends treffen und beim Bier über Briefings sprechen und Ideen aushecken.

Treffen, aus denen dann wahrscheinlich solche Filme wie der Guiness TVC entspringen.

Kein Wunder, werden einige von euch einwerfen, die arbeiten ja auch fast alle in Soho. Oder um Soho herum.

Ob nun Legende oder nicht, ich denke an der Story sind mehrere Fünckchen Wahrheit dran. Nein, ich denke es nicht nur, ich weiß es explizit von dem ein oder anderen kreativen Soho-Kollegen.

Wenn man im Fernsehen oder im Kino wirklich aufregende und innovative Exekutionen sieht, dann sind die meistens nicht in Deutschland entstanden.

Das muss eigentlich nicht sein.

Okay, London hat Soho.

Aber Berlin hat den Prenzlauer Berg. Frankfurt hat Sachsenhausen. Düsseldorf hat Köln. München hat das Scherbenviertel. Und Hamburg hat die Schanze.

Und deutsches Bier schmeckt allemal besser. Egal wo.

Tipp 56: Triff dich mit Film- oder Foto-Menschen ruhig mal zum Bier. Und zwar bevor du deine Idee runterschreibst.



TV-Spot „Three Strikes“ für das englische Department for Transport. (Agentur habe ich nicht rausgekriegt.)

Kommentare:

Mehmet Karabulut hat gesagt…

Sehr schöner Beitrag muss ich sagen. In vielen der von dir gennanten Dinge stehen wir auf dem selben Level merke ich.
Der erste Spot ist so "lala", der 2te Spot für Guiness ist hervorragend. Der "Three Strikes" Spot ist einfach nur krass, ruhiger Anfang, starkes Ende. Ich finde aber die letzte Abbildung (Think) könnte man schöner machen...

Viele Grüße
mekara

Der Suchende. hat gesagt…

Um Mißverständnissen vorzubeugen, ich finde den Skittles-Film (den ersten Spot im Beitrag) absolut super.

Bei dem Think-Logo gebe ich dir total recht.

Anonym hat gesagt…

Und aus aktuellem Anlass will ich Ihnen noch die Dezember Ausgabe der NEON empfehlen. Dort ist ein Artikel über "den besten Chef der Welt". Eine sehr interassente, lobenswerte und zukunftsweisende Arbeitsweise, wie ich finde. Würde so eine Arbeitsphilosophie in einer deutschen Werbeagentur eingeführt werden - ich glaube in Sachen Kreativität und Effizienz wäre Sie das Maß aller Dinge. Und über zu wenig guter Bewerbungen dürfte es auch nicht mangeln. Es geht um den Designer JAVIER MARISCAL.

Der Suchende. hat gesagt…

Werde mir die NEON-Ausgabe besorgen, wenn ich mich nicht mehr melde, habe ich mich aus Frust abgesetzt.

Anonym hat gesagt…

Mh ... es kommt nichts mehr. Hast du dich aus Frust abgesetzt?

Der Suchende. hat gesagt…

Stell dir vor, ich habe das NEON vor mir liegen und den Artikel gelesen.

Für die anderen: Es geht um einen Artikel über den besten Chef der Welt. Er ist ein betagter und erfolgreicher spanischer Designer, dem es egal ist, wann seine Mitarbeiter kommen und gehen, wie lange sie Urlaub machen und ob sie gerade arbeiten oder auf dem Sofa schlafen.

Der Mann hat es beruflich und gesellschaftlich seit langem geschafft und er kann jetzt natürlich leicht mit dieser Attitüde, dass ihm die Arbeitszeiten seiner Leute egal sind, kokettieren.

Ich hatte aber das Gefühl, dass der Bruder des Majestros für die Organisation des Studios zuständig ist. Ein Mann, der sehr wohl weiss, was wann wie zu tun ist. Und wer es macht.

Dieses System der Freiheit ist in gewiser Weise eine andere Form von Zwang und ich frage mich, ob klare Regeln nicht besser sind.

Denn auch die spanischen Designer werden irgendwann mal etwas beim Kunden abliefern müssen.

Soweit ich weiss bezahlt auch dort noch kein Auftraggeber dafür, dass Lieferanten einfach nur Urlaub machen.

Was das Schlafen angeht: wir richten gerade zwei Schlafräume für unsere Mitarbeiter ein. Denn wir glauben an die Kraft des Kurzschlafes.

Insofern scheinen wir ja sogar am Puls der NEON-Zeitrechznung zu sein.

Anonym hat gesagt…

Mit euren Schlafräumen find ich cool. Weil gerade kurz vom wegknacken, oft die besten Gedanken kommen. Man lässt erstmal alles sacken, sortiert sich im Kopf neu und zapzarap, da ist die Idee.
Was du allerdings vergessen hast zu erzählen, dass das Studio ihre, ich glaub ich, 25000 Umsatz im Monat machen muss, um den Laden am laufen zu halten.
Und damit gehen die Chefs offen um, und das wissen auch die Mitarbeiter.
Wenn man allerdings morgens auf wacht, und man freut sich auf seine Arbeit, stellt sich nicht die Frage des zuviel Schlafens bzw. des zu viel Urlaub machens.
Wenn es das "9 Uhr musst du in der Agentur sein" ist, das mich zwingt, zur Maloche zu latschen, dann finde ich, hab ich den falschen Beruf.
Aber vielleicht hast du Recht - es ist auch noch mal ein Unterschied wie Spanier generell arbeiten mit Siesta und so - das lässt sich nicht so einfach auf Deutschland übertragen.