Mittwoch, 11. Juli 2012

Die kreative Ehre.

Menschen, die sich jeden Tag um die Selbstdarstellung von Marken kümmern, denken natürlich auch gerne und viel darüber nach, wie sie sich selbst zu einer Marke in der Branche machen.

Von diesem Ehrgeiz getrieben, verirren sich mehr und mehr Leute im Dickicht des engen Grenzstreifens zwischen kreativ sein und kreativ scheinen. Der kreative Schein kommt nicht von ungefähr. Agenturen leben ihn mit dem Goldideen-Marketing vor.

Warum diese Parallelwelt so absurde Züge angenommen hat, wurde in der Vergangenheit zur Genüge behandelt. Auch an dieser Stelle. 

Widmen wir uns heute also mal dem Typus Mensch, der mit aller Macht und Skrupellosigkeit nach Ruhm und Löwen strebt. 

Würde man ihn fragen, warum er das tut, hätte er sofort drei Alibis parat:
  1. Das hilft dem Ruf der Agentur.
  2. Ich zeige, was ich kann.
  3. Im Tagesgeschäft sind Topideen unmöglich.
Sehr wenige geben den wahren Grund zu. Je mehr Medaillen ein "Kreativer" gewinnt, desto kreativer erscheint er in der Wahrnehmung seines beruflichen und privaten Umfeldes.

Und das findet er einfach geil.

Das Problem sehen Personalverantwortliche mittlerweile in vielen Bewerbungsgesprächen mit Kreativen:

Zombie-Kreation hat Zombie-Kreative erzeugt. Leute, die nicht mehr wissen, was dazu gehört, auf einen umfangreichen Briefing preisgekrönte Arbeit hinzulegen. Mappen sind dominiert von Scheinkreation. 

Wie wir dieser Tage einmal mehr erleben durften, liegt in diesem Selbstbefriedigungsprozess der ein oder andere Stolperstein im Weg.

Ab einem gewissen Erfolgsstatus werden Goldideen zur Droge. Die Sucht beginnt mit der Angst, beim nächsten Wettbewerb nicht mehr auf dem Treppchen zu stehen.  Und wie bei so viele Süchtigen, wenn der Entzug droht, schrecken sie auch vor Betrug nicht zurück.


Die Motivation Nummer eins eines Kreativen sollte es sein, Spaß am kreativen Entwickeln zu haben. Am Knacken der Nuß, die da in Form eines Briefings auf dem Tisch liegt. Am Lösen von wahren Kommunikationsaufgaben. Und nicht am auf dem Treppchen stehen.


Wahre Künstler und Könner in der Geschichte verabscheuen so etwas. Sie ziehen ihre Kraft aus dem, was sie tun. Was mitunter eine hohe Ausdauer erfordert. Und starke Nehmerqualitäten. 


Eine Goldidee dagegen schafft sich sehr bequem ans Tageslicht. Man sucht das Problem zu einer Idee, die man hat. Und weil man die Idee dem Kunden auch noch kostenlos zur Verfügung stellt, sagt der selten nein.

Doch durch diese Subprime-Ideen-Bewegung werden Kreativpreise immer beliebiger. 

Wir können darauf warten, dass sie wertlos werden. Die für uns wichtige Öffentlichkeit verliert das Interesse am Fake-Ranking. Aus der Goldspritze wird nicht mehr so viel fürs eigene Ego rauskommen wie früher.

Deshalb empfehle ich allen, die den Spaß an ihrer Arbeit behalten wollen, ihn in erster Linie aus der Arbeit selbst zu ziehen. Denn die bietet tolle Aufgaben: Schreiben. Gestalten. Analysieren. Entwickeln. Zusammen ausdenken. Und vieles mehr.

Findet wieder Freude daran, eine Idee für ein echtes Problem zu entwickeln, von der ihr überzeugt seid.

Wir sind alles keine Heiligen. Aber bewahrt euch eine gewisse kreative Ehre als Selbstschutz. Denn der härteste Kreativwettbewerb der Welt ist immer noch dieser:

der tägliche Blick in den Spiegel.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Mit Abstand Dein bester Post, Stefan. (Und nicht, weil die bisherigen so schlecht gewesen wären.) Diese Haltung deckt sich exakt mit meinem Credo, insbesondere was den Spaß am Knacken von Nüssen namens Briefings angeht. Jedem jungen Kreativen, der diese Freude innerlich verspürt, sei auch von meiner Seite bestätigt: Wirklich herausragende Arbeit entsteht genau aus diesem Antrieb. Aus keinem anderen. Im übrigen unterscheidet sich die Werbung nicht von anderen Horrorfilmen: Es sind die Zombies, die früher oder später den Kürzeren ziehen :) Grüße, Max Ströbel

Anonym hat gesagt…

Zombie-Kreation wird aber auch gefördert, weil viele Personalverantwortliche in Kreativagenturen sich von Awards blenden lassen.

Je länger die Liste, umso größer die Chancen auf den Job. Und wer keine Awards vorwzuweisen hat, hat auch keine Chance.