Dienstag, 10. April 2012

RIP Zuhören.

Wer häufig seine Ideen vor anderen Menschen vortanzt, der hat sich daran gewöhnt, dass der ein oder andere Teilnehmer die Aufmerksamkeit lieber seinem Mobiltelefon als deinem Vortrag widmet.

Trotz aller Routine ist diese Randerscheinung immer wieder eine Herausforderung für die eigene Contenance. Besonders dann, wenn vermeintliche Entscheider zum besagten Personenkreis gehören.

Die Beobachtung, dass es eine zunehmende Wechselwirkung zwischen „beschäftigt sich mit seinem Gadget“ und „stellt bescheidene Fragen“ gibt, sei nur am Rande erwähnt.

Der entscheidende Punkt – neben Höflichkeit und Respekt – ist doch die Frage, ob es wirklich effizienter ist, seine Mails/SMS/Termine zu checken statt sich ganz auf die Präsentation zu konzentrieren?

Besonders dann, wenn es sich um eine wichtige Präsentation handelt und die Agentur einen immensen Aufwand betrieben hat, ihre Leistung zu erstellen.

Während so mancher in diesem Zusammenhang noch über das Mobiltelefon in Meetings philosophieren mag, hat es im Kampf um die Gunst der Aufmerksamkeit längst eine noch sichtbarere Konkurrenz bekommen.

Seit neuestem verschwindet die Konzentration immer häufiger hinter Laptops. 

Man stelle sich einfach vor, wie sich ein Redner fühlt, der das Ergebnis seines Teams nach mehreren Wochen intensiver Arbeit einem ausgewählten wie kompetentem Gremium präsentiert, das hinter  Bildschirmen sitzt. Oder fleißig auf seiner Tastatur rumhackt.

Keine Mimik. Keine Gestik. Keine Reaktion.

Nach Jahren des Präsentierens hat man sicherlich schon die absurdesten Erscheinungen erlebt und kann sich mental einigermaßen gut auf solche Merkwürdigkeiten einstellen. Aber man muss doch immer wieder all sein Selbstwertgefühl zusammen kratzen, um die Eigenmotivation und den Spannungsbogen der Präsentation aufrecht zu erhalten. Und damit die Qualität des Ganzen.

Vor allem dann, wenn man vor Personen präsentiert, die man vorher nicht kennenlernen und einschätzen durfte.

Es entstehen solch erquickliche Situationen, in denen Leute hinter ihren Laptops kurz auflachen, obwohl man gerade gar nichts Lustiges erzählt. 
Oder sie fangen an einer wichtigen Stelle deiner Präsentation eifrig an (man erklärt gerade die Strategie und will nun den Claim enthüllen), einen Text in ihre Tasten zu tippen.

(Ein Kollege, mit dem ich mich darüber unterhielt, meinte: vielleicht schreiben einfach nur mit. Wenn es so ist, wäre das noch das kleinere Übel).

Man kann trefflich darüber streiten, ob in unserer multifunktionalen Arbeitswelt mit all den heranwachsenden multitasking-fähigen Menschen und ihrer abgeklärten Art, Informationen aufzunehmen, dieser Umgang mit Präsentationen nicht zum Standard wird.


Bei der Masse an Fehlentscheidungen, die man in unserer Branche so mitbekommt, möchte ich das in Frage stellen.

Ich bezweifle, ob Menschen auf diese Weise wirklich verstehen, welches die Kernpunkte der vorgestellten Kommunikationslösung sind. Besonders die emotionalen. Nichts gegen mitschreiben. Aber mitfühlen ist besser.

Erfolgreiche Kommunikation hat sehr viel mit Emotionen zu tun. Emotionen, die ich erzeugen will. Und Emotionen, die ich fühlen muss, um die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Wer nur noch die totale E-Mail-, SMS- und Cover-my-as-Kommunikationskultur pflegt – und sich dabei ganz auf sein Laptop verlässt – dem wird so einiges verborgen bleiben.

Am Ende der Erfolg.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

da hast du wohl nicht ganz unrecht, aber es fängt ja wo ganz anders an.

wenn ich überlege wie lange man selber im team auf jobs und briefings ausdenkt und wieviel mühe man sich macht diese ideen dann auch noch zu bebildern (moods, layouts, fertige montagen, links, etc) und man im meeting mit dem vorgesetzten dann feststellt das nur ein müdes "nein", oder interessiert mich nicht, spricht mich nicht an, etc. hört, dann brauchen sich die vorgesetzten auch nicht wundern wenn kunden mit ihnen genau so umgehen.

der respekt fängt wo ganz anders an. und genau dort, an der basis ist er am wenigsten vorhanden. man kann ja noch ne runde ausdenken, noch ne nachtschicht schieben, etc.

das ist halt heute leider so. wenns einen nicht interessiert, beschäftigt man sich eben mit anderen dingen. die wertschätzung der erbrachten leistung, egal ob sie gut oder schlecht ist, wird heute doch fast gar nicht mehr berücksichtigt. ein müdes danke ans team für unzählige nachtschichten muss da oft reichen. Leider!!!

SZ hat gesagt…

Da ist was dran.

drikkes hat gesagt…

Man könnte auch behaupten, der Vortragende ist bloß schmückendes Beiwerk zum Inhalt der Präsentation. Und damit wie schlechte Werbung - schöne Verpackung, nichts dahinter.

Anonym hat gesagt…

Lieber Stefan,
ich lese deinen Blog schon lange und freue mich über jeden deiner Posts. Allerdings: Bist du gerade ein bisschen arbeitsgefrustet und desillusioniert? Deine Posts sind grad immer alle so zeigefingerlastig und leicht negativ... Nicht als Angriff auffassen - ich freue mich aber schon auf das nächste "ich-bin-motiviert-und-finde-meinen-job-supergeil"-Post!
Liebe Grüße ausm Ländle

Anonym hat gesagt…

Wenn die Personen, vor denen man präsentiert, sich nicht auf die Präsentation konzentrieren, dann ist vielleicht auch die Präsentation bzw. der Vortragende langweilig und die Emotionen kommen nicht rüber. Sry, aber bei langweiligen und schlechten Präsentationen schalte ich auch lieber ab und mache was sinnvolles. Kalter Kaffee hat noch niemanden genützt.

Anonym hat gesagt…

Achwas, interessante Vorträge werden gehört, das gilt heute wie früher.

Der Unterschied ist: Man hört heute so wahnsinnig viel schlechte Vorträge, weil jeder denkt, mit Powerpoint ginge das schon und man müsse das nicht üben.

Anonymous hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Anonymous hat gesagt…

Ich bin nicht aus der Werbebranche sondern arbeite im IT Bereich und kenne das Problem zur genüge. Vielleicht liegt es daran, dass ich aus einem Akademikerhaushalt komme aber ich habe schon immer mit Elementen gearbeitet, die unaufmerksame Rezipienten "zurück holen". Das einfachste ist, selbst Fragen zu stellen.

Eine einfache Strategie:

"Nun kommen wir zum wichtigsten Teil...[Entscheider fängt an auf seinem Notebook zu klimpern]...der ist gerade für sie wichtig Herr, ähm, wie war noch gleich Ihr Name?...."
"ich? [Er schaut auf] Müller! Was ist wichtig?"
"ja Herr Müller, die Backuplösung ist also der Teil..."
[er unterbricht aktiv] "Backup? Das wollte Herr Meier doch genau wissen"
"Oh entschuldigen sie, also Herr Meier, die Backuplösung...."

und schon machen alle wieder für eine gewisse Zeit aktiv mit, denn es könnte ja sie als nächstes treffen.

Wenn der Präsentierende natürlich PowerPointKaraoke spielt oder sich mit seinem Lasepointer leicht abseits im grauen Nichts des abgedunkelten Raumes versteckt, dann würde ich auch mit meinem Gadget rumspielen.

Ich will nichts beschönigen, die Situation ist in den letzten Jahren definitiv schlechter geworden. Ich habe schon mehrfach erlebt, dass ich Sätze sagen musste wie: "Meine Damen und Herren, wir kennen das alle noch aus Schule: Comics gehören in den Tornister oder unter die Schulbank, hier vorn spielt nämlich die Musik." Das war nämlich keineswegs peinlich für mich sondern etliche der Herrschaften haben betroffen Ihre Gadgets weg gepackt.

Ich behaupte übrigens mal, dass dies ein aktuelles Problem unserer Weichspülerkultur ist. Viele der Vortänzer da vorn gehen davon aus, dass für die anderen im Raum "einleuchtend" sei, ihnen zuzuhören. Ist es eben nicht! Und mit viel Weichspüler im "Hirn" trauen sich die Menschen vorn auf dem Podium eben nicht (mehr) die Menschen im Raum zur Räson zu rufen, weil, das hat ja was von Konflikt und den wollen wir ja nicht, der ist im Verkauf ja kontraproduktiv etc. etc. Dabei finde ich es ausgesprochen hilfreich und legitim, wenn der Präsentierende zu Beginn gleich klar stellt, was er vom Publikum erwartet.

Meine Meinung.

SZ hat gesagt…

@anon 22:15h: Der Eindruck könnte in der Tat entstehen, doch gerade das Gegenteil ist der Fall. Vielleicht bin ich mal wieder dem altbekannten journalistischen Credo "only bad news are good news" verfallen. Gelobe Besserung.

SZ hat gesagt…

@anon09:12h: Dieses Argument liegt auf der Hand und musste kommen. Doch wenn die Zuhörer schon gleich am Anfang ihre Laptops aufklappen, geben sie dem Vortrag gar keine Chance.

SZ hat gesagt…

@anon09:21h: Ich denke, du musst unterscheiden zwischen öffentlichen bzw. teilöffentlichen Präsentationen/Vorträgen und zwischen beauftragten Präsentationen. Ich beziehe mich in meinem Beitrag auf letzteres. Kunden suchen Problemlösungen und beauftragen Agenturen, sich etwas zu überlegen. Das Ergebnis dieser Beauftragung wird dann in einer Präsentation dargelegt.

Tim hat gesagt…

Als ich diesen TED Talk eben gesehen habe, musste ich wieder an deinen Post denken. Sherry Turkle hat da ganz interessante Beobachtungen und Theorien zu: http://www.ted.com/talks/sherry_turkle_alone_together.html