Freitag, 23. März 2012

Die "Soziale Mappe". Und ihre Kehrseite.

Das digitale Zeitalter hat viele alt eingesessenen Mechanismen revolutioniert.

Die Art, wie wir miteinander kommunizieren. Die Art, wie wir einkaufen. Die Art, wie wir einen neuen Partner finden.

So wundert es nicht, dass sich auch die Art, wie Kreative ihre Arbeiten präsentieren, eine ganz andere ist als vor 10 Jahren.

Die gute alte Pappentasche ist tot. Und auch das Laptop kommt aus der Mode. M
ehr und mehr Kreative gehen auf Facebook, Flickr und vor allem auf Blogs über. Ganz neu: Pinterest.

Wenn eine Agentur sich für einen Kreativen interessiert, bekommt sie einfach nur noch einen Link "nach Portfolio".

Das ist ziemlich praktisch, denn der Kreative muss die Daten vom Computer einfach nur noch hochladen. 

Nix mehr ausdrucken. Nix mehr ausschneiden. Nix mehr aufziehen. Nix mehr das alles heimlich nachts tun, wenn der Chef aus dem Haus ist.

Einmal das Dokument rüberziehen. Fertig ist die top aktualisierte Mappe.

Dagegen ist eigentlich überhaupt nichts einzuwenden.


Doch leider übersehen viele Kreative, dass sie damit schnell mal gegen Verträge verstoßen. Denn zwischen einer Pappentasche und einer „Sozialen Mappe“ im Web gibt es einen entscheidenden Unterscheid:

die Öffentlichkeit.

Früher war es kein Problem, wenn man ein Motiv, dass der Kunde nicht freigegeben hat, in seine Mappe geklebt hat, um es bei Bewerbungsgesprächen als ein weiteres Beispiel seiner kreativen Potenz zu präsentieren. 
So ein Gespräch fand ja meistens auch nur unter 4 bis 8 Augen statt.

Heute können viel mehr "Freunde" diese Motive sehen.


Manchmal leider zu viele. Oder auch noch die falschen. 
Und schwupps stehst du als Agentur auf dem Titel von Tageszeitungen. Und was noch schlimmer ist: du stehst am Pranger.

Mangelnde Sorgfaltspflicht.

Es ist für uns eine große Herausforderung geworden, unseren Mitarbeitern klar zu machen, dass Motive, die nicht frei gegeben sind oder Ideen, die nicht akzeptiert wurden, in der Öffentlichkeit nichts zu suchen haben. Auch nicht in der digitalen.

Natürlich steht dies in jedem Arbeitsvertrag (z.B. unter Geheimhaltung). Und natürlich redet man seinen Leuten immer mal wieder ins Gewissen, davon bitte Abstand zu nehmen.

Doch es herrscht zu diesem Thema immer noch wenig Unrechtsbewusstsein.

„Wieso, ist doch lustig. Ich habe das Motiv ja auch bloß zum Spaß auf meinem Facebook-Account hochgeladen. Ist sowieso nur privat“.

Ist es nicht.

Der Freund leitet es an seine Freunde weiter, die es dann an ihre Freunde weiterleiten. 
Ihr kennt den Schneeball.

Auch der ein oder andere Freelancer ist da in einer emotionalen Zwickmühle.

Freelancer sind Menschen, die häufig auf Neugeschäften oder wichtigen Präsentationen mitarbeiten. 
Also sehr häufig auch das bittere Los ziehen, tolle Ideen am Band zu entwickeln, die nie das Licht der Öffentlichkeit erblicken werden.

Was machen diese Menschen, um ihre kreative Leistungsfähigkeit up-to-date zu halten?

Sie richten sich Webseiten oder Blogs ein – und zeigen dort ihre „Entwürfe“.

Arbeiten vielleicht, von denen die Kunden und Agenturen, für die sie diese "Entwürfe" gemacht haben, nicht wollen, dass sie das Licht der Öffentlichkeit erblicken.


Wir alle leben von unseren Ideen. Und davon, das andere sehen, dass wir gute Ideen haben.

Aber wir müssen – verdammt noch mal – auch damit leben, dass Ideen, die Kunden aus irgendwelchen Gründen nicht akzeptieren, im Verborgenen bleiben. Und ganz speziell dann, wenn diese Ideen auch ungefragt entwickelt wurden (Goldideen).

Vermeidet also, Arbeiten in sozialen Medien zu veröffentlichen, die nicht ausdrücklich freigegeben sind. Oder versichert euch bei den jeweiligen Agenturchefs rück, ob ihr veröffentlichen dürft.

So eine unbedachte Tofu-Geschichte kann andere Menschen nicht nur Ihren Job kosten, sondern manchmal sogar eine ganze Agentur bedrohen.


Das ist die ganze Sache nicht wert. Erst recht nicht, wenn es dazu eine ziemliche peinlich Headline-Provokation ist.


Das uralte Tofu-Motiv aus dem Jahr 2009
– jetzt wieder irgendwo im Web aufgepoppt –
war der Hamburger MoPo nicht nur einen
Online-Artikel, sondern sogar einen Titel wert
(was nicht wirklich für das Blatt spricht).



Der Artikel zeigt, dass ein unbedachtes "Hochladen"
kreativer Entwürfe zu einem Shitstorm führen kann,
der nicht mehr nur im Netz stattfindet.








































Kommentare:

ramses101 hat gesagt…

Bonustrack: Bildrechte. Layouts werden ja gerne mal mit Stockmotiven oder Bildern aus dem Netz gebastelt - für die Präsentation kein Ding, aber stellt man den Kram dann ins Netz, bekommt man schnell mal Post von Getty & Co ...

Raban Ruddigkeit hat gesagt…

Lieber Stefan, es handelt sich ausgerechnet hier nicht um eine digitale Schlappe, sondern eine Arbeit, die vor einigen Jahren beim ADC ganz offline als Pappe an der Wand hing ... Ohne Kundenbestätigung, wie wir nun wieder merken. Und mal wieder »aus Versehen«. Insofern hat das Web vielleicht auch hier eine heilsame Funktion, denn das Schummeln funktioniert so immer weniger.

SZ hat gesagt…

Lieber Raban, dass dieses Motiv ein altes ist, wissen wir ja alle. Die Scheisse dieser Tage fing damit an, als irgendein Typ das Ding zum Spaß einfach noch mal irgendwo digital veröffentlich hat. Unbedacht ins Ungemach.

Anonym hat gesagt…

Andererseits könnte man auch fragen, ob diese Aufregung noch zeitgemäß ist - während parallel "user generated content" bei vielen Marken hoch im Kurs steht.

Selbstverständlich ist es ein Unding, wenn ein vom Kunden ausdrücklich abgelehntes Motiv seinen Weg ins Internet findet.

Doch angesichts der digitalen Ermächtigung der Massen ist es doch fast Zufall, dass hinter dieser Arbeit eine Agentur steckt, und nicht ein unkontrollierbares Individuum.

Praktisch kann jeder Besitzer eines Computers ein solches Motiv anfertigen und irgendwo uploaden. Ganze Internet-Meme entstehen so - und deren Urheber bleiben auf ewig anonym.

Wäre die Aufregung bei einer solchen Entstehung die gleiche?

Müssen Marken nicht vielmehr diesen Kontrollverlust kalkulieren?

SZ hat gesagt…

@anon19:04h: Du bist also einer der Menschen, die die Piraten wählen? Ich finde, wenn das Internet automatisch jeden dazu berechtigt, geistiges Eigentum anonym zu nutzen oder gar zu verunglimpfen, ohne dass du etwas dagegen tun kannst, dann können wir unseren Job an den Nagel hängen. Und ob es dann noch Spaß macht, Marken zu schaffen, kann ich mir schwer vorstellen.

Anonym hat gesagt…

(Sorry für meine Anonymität, aber so stehen immerhin Inhalte im Vordergrund ;)

Ich bin gar nicht so sehr für oder gegen diese Entwicklung. Im Übrigen auch kein Piraten-Wähler.

Aber ist die skizzierte Welt nicht die, in der wir bereits leben?

Ein Beispiel: das Pepsi-Logo. Eine Google-Bildersuche nach "pepsi logo fat" zeigt die zahlreichen Verunglimpfungen. Urheber? Alle und niemand.

Was kann man dagegen tun? Aktuell offenbar nichts.

Aber man kann Marken schaffen, die das aushalten, die sich davon distanzieren, die trotz fiesem Gegenwind ihre Strahlkraft behalten.

Und ich glaube, genau das macht immer noch Spaß.

Anonym hat gesagt…

"Alle und niemand" reichen ihre Schöpfungen aber nicht bei als offizielles Motiv bei einer Award-Show ein. Wie es in diesem Fall Scholz getan hat und somit Maredo plötzlich in Erklärungsnot bringt, wieso ihre offizielle Kommunikation (ob nun für eine Award-Show oder nicht) aussieht.

In Fällen von irgendwelchen Logo-Bearbeitungen, Spaßmotiven oder Verunglimpfungen von "allen und niemand" ist das nicht der Fall.

Anonym hat gesagt…

ich denke auch das man abwägen muß. schließlich wollt ihr agenturchefs doch geiles zeug in der mappe sehen. mit tagesgeschäft stellt ihr doch niemanden ein. es muss doch immer der crazy shit sein. und meistens sind das nun mal ideen die aus irgendwelchen gründen nicht das licht der welt erblickt haben. also, was tun...

wenn ich ideen zeige die nicht veröffentlicht gemacht wurden muss man zunächst sagen das es trotzdem mein geistiges eigentum ist. ich habe mir xxx ausgedacht, habe auf kunden xxx das und das gemacht.

und wenn schon die größten agenturen irgendwelche ideen klauen, dann darf das umgedreht genauso sein.

und zum schwulen fleisch...
die anzeige ist 2 jahre alt!!! sogar im adc buch. da kann man jetzt nicht schimpfen nur weil jetzt erst ein tofu-vegetarier darauf gekommen ist und sich angepisst fühlt.

dazu gibts ja auch noch einige querschläger die mit werbung garnix am hut haben und nur spaß an photoshop haben.