Sonntag, 10. April 2011

Mehr verbale Präszision bitte.

Die digitale Revolution hat unser Informationsverhalten komplett verändert. Wo wir Informationen generieren, wie wir Informationen aufnehmen und wie wir Informationen bewerten.

Jeder von uns steht einer zunehmenden Menge von 
Texten gegenüber, die er in seinem Beruf bewältigen sollte. Und der damit verbundenen Zunahme der Unlust, sie zu lesen. Was man sich in vielen Fällen aber nicht leisten kann (z.B. weil die Texte von einer wichtigen Person kommen).

Wer mich kennt, der weiss, wie ungern ich E-Mails lese, die „aus meinem Fenster fallen“. Leider schreibe ich manchmal auch selbst 
welche (verspreche hiermit Besserung).

Gerade deshalb bleibt mir nur festzustellen, dass diese gedankenlos getexteten E-Mail-Ergüsse, in denen der Sender einfach nur runter schreibt, was ihm zu einer Sache gerade so einfällt, eine Zumutung zum Lesen sind.

In der Form. Wie im Inhalt.

Wie oft muss man sich durch einen Wust an Text kämpfen, um überhaupt die Essenz des Inhaltes zu erfassen? Eine irre Zeitverschwendung.

Sowohl auf Schreiberseite. Als auch auf der des Lesers.

Je mehr Informationsquellen uns zur Verfügung stehen, desto größere Mengen müssen wir bewältigen.

Da macht es schon Sinn, dass man sich beim Verfassen von E-Mails wie auch von jedem anderen Text häufiger fragen sollte, wie schreib ich es am kürzesten? Und am präzisesten? Und sich dafür auch die Zeit nimmt.

Nicht nur als Texter.

Die zunehmende verbale Verrohung (gefühlt nehmen grammatikalische und stilistische Nachlässigkeiten dramatisch zu) zeigt einmal mehr, wie effektiv gute Texte sind. Was man merkt, wenn man mal wieder einen richtig pointierten Text zu lesen bekommt.

Vielleicht liegt der Erfolg von Twitter gerade darin, dass die Leser wissen, sie müssen nicht mehr als zwei Zeilen konsumieren.

Die gekonnte Verdichtung von Textinformationen (egal ob Marken-Kommunikation, Gebrauchsanweisungen, redaktionelle Artikel, Testergebnisse, Präsentationen oder eben E-Mails) wird mehr und mehr zur Kunstform.

Mit der Kritik, dass man diesen Text hätte auch noch kürzer und präziser schreiben können, werde ich wohl leben müssen.

Was dennoch nichts an der Richtigkeit meiner Schlussfolgerung ändert:

Je mehr Texte es gibt, desto mehr Zukunft hat der Beruf des Texters.

Kommentare:

Matt hat gesagt…

True.

Und CC Mails sollten dem Sender pro Empfänger mit 5 Euro in Rechnung gestellt werden.

Andreas hat gesagt…

Die Beherzigung des keepitshortandsimple ist das Otpimung, klar. Ich kenne keinen Chef, der das nicht mindestens 2x im Jahr lautstark fordert. Lustigerweise sind das dann in der Regel genau die Leute, die das komplette Gegenteil praktizieren:

Ein mit Dritten zuvor durchgeführter E-Mail-Dialog in mindestens 6 Stationen wird kommentarlos weitergeleitet. Ach, wie gern ich doch diese Form der unausgesprochenen Arbeitsanweisung habe ... Persönliche Scherzchen am Rande, die vom wichtigen Rest getrennt sein wollen, inklusive.

Im direkten Vergleich lese ich lieber ein paar Zeilen Selbstgeschriebenes mehr ;o)

Fritz Iversen hat gesagt…

Viel Unverständlichkeit kommt durch Hastigkeit zustande. Aber eben auch durch Kürze. Kürze ist eine B-Tugend - A-Tugenden sind rasche Verständlichkeit und Vollständigkeit.
Tja, aber dein Text - au weia. Durch und durch ein schlechtes Beispiel. Schon beim kurzen Drüberhuschen kriegt man ihn um über 50% gekürzt:

"Man bekommt immer mehr zu lesen auf den Tisch. Die Abneigung dagegen steigt. Manches muss man aber lesen.
Eine besondere Zumutung sind gedankenlos getextete E-Mail-Ergüsse. In Form und Inhalt. Wie oft am Tag kämpft man sich durch einen unklaren, fast unverständlichen Text?

Deshalb sollte sich jeder, der etwas schreibt, immer fragen: Wie schreib ich es am kürzesten? Und am präzisesten?
Die zunehmende verbale Verrohung (gefühlt nehmen grammatische und stilistische Nachlässigkeiten dramatisch zu) zeigt einmal mehr, dass gute Texte effektiver kommunizieren.

Die gekonnte Verdichtung von Texten ist eine Kunst (ob Marken-Kommunikation, Gebrauchsanweisungen, redaktionelle Artikel, Präsentationen oder eben E-Mails).

Konsequenz: Je mehr geschrieben wird, desto mehr Zukunft hat der Beruf des Texters."

Günther Marschall hat gesagt…

"Heute schreibe ich dir einen langen Brief.
Für einen kurzen fehlt mir die Zeit."
(J.W. v. Goethe)

"Investiere die Hälfte der Zeit um zu überlegen
WAS du sagen willst. Dann brauchst du für's Aufschreiben weniger als die anderen Hälfte"
(C. Jacoby)

Als Texter habe ich dem nichts hinzuzufügen.
Und als Leser erst recht nicht.

SZ hat gesagt…

@Fritz: Einen Text auf das rein Wesentliche zu kürzen ist für mich nicht gleichbedeutend für einen Text, der auf den Punkt ist. Häufig macht es der Leserhythmus, den man als Autor schafft, um einen Text verständlich zu gestalten. Sonst wäre die einzig wahre Sprache ja der Telegrammstil.

SZ hat gesagt…

@Günther: Konstantin hat also doch von Goethe abgeschrieben.