Dienstag, 21. Dezember 2010

Rien ne va plus.

Ich bin vergangene Woche der Einladung gefolgt, als Jury-Mitglied beim 10. Cristal Festival in Crans Montana (Schweiz) tätig zu sein.

Das Cristal Festival nennt sich ein europäisches Festival und ist der Nachfolger des Méribel Festivals (falls sich einer fragt, wo man diesen Wettbewerb einordnen soll).

Dass neben Arbeiten aus Europa auch Werke aus dem Mittleren Osten und Kanada (dem französisch-sprachigen Teil) zugelassen und bewertet wurden, deckte sich zwar nicht mit meinen geographischen Kenntnissen von Europa, entsprach aber wohl – nach intensiver Diskussion mit den Organisatoren – dem Regelwerk.

Warum ich mich auf dieses Jury-Abenteuer eingelassen habe, ist eine Frage, die mich noch heute beschäftigt. Vermutlich lag es am betörenden französischen Akzent im Englisch der Festival-Repräsentantin. Sie hatte mich Mitte des Jahres in der Agentur besucht, um mich zur Teilnahme zu bewegen.

Cristal ist ein Wettbewerb, bei dem nicht nur Kreative sondern auch Kunden bewerten.

Irgendwie muss ich wohl gedacht haben, dass es interessant sein könnte, diese gemischte Form der Juryarbeit auf internationaler Ebene mit einem Skiwochenende zum Jahresende zu verbinden.

Letzteres war ganz ordentlich.

Ersteres war sehr französisch geprägt.

Der überwiegende Anteil der Juroren kam aus Frankreich. Was sich in der Zahl der Einsendungen und letztendlich auch im Jury-Gesamtergebnis niederschlug.

Die Teilnehmerliste des Festivals enthielt zudem personelle Hochkaräter (z.B. Jacques Séguéla, Star und Altmeister der französischen Werbung und kein Geringerer als das „S“ von Euro RSCG, Mark Tutssell, CCO von Leo Burnett Worldwide und Festivalpräsident sowie Olivier Altmann, CCO von Publicis).

Was nach dem größten kreativen Menschenauflauf im französisch-sprachigen Terrain gleich nach Cannes klingt (und in der Presseberichterstattung in Frankreich sicher auch so aussieht) ist unterm Strich ein ziemlich verlassenes Skidorf in der Vorsaison mit rund 200 Juroren.

Eine überschaubare Gruppe von Menschen, die sich allabendlich zur Preisverleihung bestimmter Kategorien traf. Eine meistens französisch moderiertes Präsentationseinlage auf Abiturabschluss-Niveau, bei der sich mehrheitlich die französischen Kollegen gegenseitig ihre europäischen Cristals überreichen.

Bizarr.

Ich war Mitglied der Integrated and Branded Content Jury und wir mussten uns erst mal darüber unterhalten, was Branded Content eigentlich ist (ich erspar es euch, sollte es jemand interessieren, bitte Post senden).

Am Ende der fünf langen Tage bin ich mit einer mühevoll erworbenen Erkenntnis abgereist:

Ein Festival ist nur dann wirklich europäisch geschweige denn international, wenn die Jurys nicht von einer Nation dominiert werden, sondern ausgewogen besetzt sind (sprich: aus jedem Land ein Juror).

Dass der Festivalpräsident Mark Tutssel vorzeitig abgereist sein soll, würde mich nicht verwundern.

Für mich jedenfalls steht nächstes Jahr "cristal clear" fest: siehe Überschrift des Beitrages.





Viral einer Kampagne für das Europcar "Auto Libre" Angebot. Agentur: Ogilvy, Paris. Diese Kampagne hat in der Kategorie „Marketing“ einen „Cristal“ erhalten.

Die Idee ist nicht ganz neu: mit versteckter Kamera werden diverse Autobesitzer gefilmt, die zu ihrem Wagen zurück kommen und nur noch einen Schrottwürfel vorfinden. Die Story: eine Behörde entsorgt Autos, weil es bei Europcar jetzt ein Angebot gibt, mit dem man nur noch dann ein Auto besitzt, wenn man es braucht.

Was wie eine echt erzeugte Aktion aussieht, ist von Schauspielern nachgestellt (welche Marke würde es auch wagen, Menschen so einer Situation auszusetzen?). Die Gefahr, dass da Leute kollabieren, wäre zu groß.

Mir ist das ganze Theater bei aller Komik (auch mit der Direktschaltung zur Radiostation) viel zu konstruiert. Dennoch fast 2 Millionen Klicks auf YouTube.

Kommentare:

friedemann-ohse.de hat gesagt…

Ehrlich gesagt fällt es mir als Nachwuchsgestalter schwer die Frage nach meinen Vorbildern zu beantworten.
Wie kommt das nur^^

SZ hat gesagt…

Vorbilder verlieren in 99% aller Fälle ihre Funktion, wenn man sie das erste Mal persönlich kennen gelernt hat.