Sonntag, 10. Oktober 2010

Kreative Illegalität.

Ich bekomme immer wieder Mails von Kollegen oder Freunden, die mir Links zu interessanten Kampagnen schicken.

Sogenanntes Blogfutter.

Durch diesen Service (den ich übrigens sehr schätze) habe ich ein Phänomen kennen gelernt, das immer häufiger auftritt. Es ist das plötzliche Verschwinden von Goldideen (z.B. auf YouTube).

So sieht das aus.

Es scheint immer mehr kreative Radikalinskis zu geben, die Ideen entwickeln und veröffentlichen, ohne die betroffene Marke um Erlaubnis zu fragen.

Die erste große Diskussion um dieses Thema fing vor mehreren Jahren mit einem Viral für den VW Polo an (Motto: incredibly tough), in dem sich ein Terrorist in einer Innenstadt die Luft sprengen wollte. Doch der Wagen hielt diese Explosion aus.

Dann erinnere ich mich an einen Skandal aus Brasilien, in dem eine große Agentur für den WWF eine Kampagne gestartet hat, ohne die Organisation zu unterrichten (die erfuhr erst davon, als es die ersten Awards hagelte). Ergebnis: Die Agentur zog die Arbeit zurück.

Und jüngst bekam ich von einem amerikanischen Kollegen einen Link für einen Spot der Marke Sprite (siehe unten) geschickt, in dem er mich schockiert fragte, ob der (wirklich platte) Spot in Deutschland gelaufen sei.

Die Erklärung war, dass ein junger Regisseur das Werk ohne Genehmigung der Marke realisiert hatte mit der Behauptung, der Auftrag wäre für Deutschland gewesen. Ziel: sich ins Gespräch bringen.















Fake-Viral für Sprite. Eine ganz plumpe Nummer. Wer sich diesen Spot wirklich antun will, kann das hier



Der Irrglaube, mit Goldmedaillen automatisch PR, Aufmerksamkeit und damit Jobanfragen zu generieren, verleitet immer mehr Kreative zu solchem Unfug – ohne Genehmigung der Marke.

Diese Kreativen machen keine Kommunikation für die Marke, sondern dagegen. Was alles andere als goldwürdig ist.

Solche Werke schaden Marken und diese sollten langsam über rigorosere Schritte als Pressedementis nachdenken, um die Entwicklung einzudämmen. Kommunukations-Fakes sollten wie die Produkt-Fakes behandelt werden. Man geht gerichtlich gegen sie vor.

Dennoch möchte ich am Ende diese eine Idee bescheiben, die Anlass des Beitrags war. Sie hat Goldklasse und es wäre interessant zu erfahren, warum sie zurück gezogen wurde.

Die genial einfache Idee war für eine Sicherheitsfirma in Chile. Die Macher haben in einem Wohnhaus flache Kartons auf dem Boden unter den Türschlitzen durchgeschoben. Innen haben sich diese Kartons dann zu einem Würfel aufgefaltet (sozusagen dreidimensionale Popups). Kam der Wohnungsbesitzer nach Hause, stolperte er über diesen Würfel.

Botschaft darauf: So leicht kommt man in ihre Wohnung. Schützen Sie sich mit XYZ davor.

Ganz klar, die Grundanlage der Idee ist vom Charakter „Fake“. Aber wenn man eine Sicherheitsfirma gefunden hat, die dieser Kampagne zustimmt und wenn man sie dann in mehreren Wohnblocks planmäßig durchführt, ist es eine schöne und durchaus relevante Aktion. Eine, die für wenig Geld viel Impact bietet.

Bingo.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Marken gehören nicht den Unternehmenm, die sie produzieren, sondern den Menschen, die sie benutzen. Deshalb drüfen sie auch mit den Produkten "spielen" und Filme davon hochladen. Wer das unterbinden will, hat rein gar nichts von Social Media verstanden.

SZ hat gesagt…

@anon 17:28h: Ich glaube, du verwechselst da was. Es ist ein Unterschied, ob ich "Inhalte" über eine Marke als Privatperson hochlade und mich über die Marke lustig oder sonstwas mache. Oder ob ich so tue, als wäre ich die Marke selbst bzw. handle in ihrem Auftrag. Und brüste mich auch noch damit vor anderen. "Marken verstehen SM nicht" ist gerne auch die Alibi-Aussage von Leuten, die zu feige sind, hinter ihre Inhalte einen konkreten Namen zu schreiben.

Anonym hat gesagt…

Vielleicht wurde die Idee zurückgezogen, da Philipp und Keuntje das Ganze vor 1,5 Jahren gemacht hat?

http://www.youtube.com/watch?v=e7Z-Y2W83q8

drikkes hat gesagt…

Ich hatte das Video von der Paketaktion am Freitag gepostet und mußte zwei Tage später feststellen, daß das Video entfernt worden ist.

Anonym hat recht, die beiden Ideen ähneln sich schon enorm.

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Generell finde ich schon, daß Marken es in diesen Zeiten aushalten müssen, wenn Leute sich dazu erdreisten, in deren Namen zu sprechen. Alles andere ist Heulsusentum - und kommt im Zweifelsfall wahrscheinlich eher von Agenturen als ihren Auftraggebern.

DIRKKAMROWSKI hat gesagt…

Marke hin Marke her. Im Zweifel gehört die Marke dem Unternehmen. Doch entdecke ich mehr und mehr neben einer Politikverdrossenheit auch eine Werbeverdrossenheit. Da ist der Viralspot von VW ein wahrer Lichtblick und zeigt wie er in den Köpfen der Verbraucher bleibt. Davon abgesehen, dass VW sich wegen der "Political Correctness" natürlich davon distanzieren mußte.

Doch schafte dieser Spot ein Momentum, wenn ich diese Vokabel hier benutzen darf, die sich die Politik nur wünschen kann.