Samstag, 21. November 2009

Werbung in einem Wachstumsmarkt.

China hat über 1,3 Milliarden Einwohner. Ich vermute aber, dass erst rund 100 Millionen Chinesen (vorzugsweise in den Metropolen) Markenwerbung wahrnehmen – wenn man Werbung dort überhaupt Markenwerbung nennen kann.

In einem Markt, in dem die Menschen sich erst noch daran gewöhnen müssen, dass es gewisse Produkte, die wir schon längst als selbstverständlich sehen, erst einmal physisch gibt, geschweige denn in einer größeren Auswahl, da reicht es meistens schon, in der Kommunikation das Produkt abzubilden und darüber zu schreiben: kauf mich. Oder: ich bin gut.

So zumindest beschreibt es Jacob Johansen, der Managing Director unserer neuen Dependance Leagas Delaney Shanghai.

Für uns Werbekreative, die seit Jahrzehnten im Verdrängungswettbewerb versuchen, Produkten einen Vorteil durch emotionale Komponenten zu verschaffen, erscheint chinesische Werbung in den meisten Fällen denn auch auf Bezirksliga-Niveau.

Ich kann die Werbung, die ich gesehen habe, inhaltlich schwer beurteilen, denn die Arbeiten, die man sieht, kann man ja nicht lesen. Allerdings zeigen die meisten Plakate in der Tat nur ein Produkt und daneben ein paar wenige chinesische Schriftzeichen.

Die Mehrheit der 1,3 Milliarden Chinesen fristet immer noch ein ziemlich spartanisches und beschwerliches Dasein und so besteht die Gefahr, dass bei zu schneller Ausbreitung marktwirtschaftlicher Mechanismen eine Zerreißprobe auf das Land zukommen würde.

Deshalb auch die Zensur des Internets.

Würde diese irrsinnig große Masse Mensch in den Provinzen erfahren, auf welchem Niveau andere Menschen im Land (auf ihre Kosten) leben und was sie verdienen, könnte China sein Lohnniveau nicht mehr halten. Es würde eine Revolte drohen. Und die Wettbewerbsfähigkeit bei der Produktion stünde auf dem Spiel.

Ein kompetenter Gesprächspartner während unserer Reise hat es wie folgt dargestellt: Die Regierung versorgt die breite Bevölkerung mit gezielten wie dosierten Verbesserungen.

Lieber stell man erst einmal jedem einen Kühlschrank in seine ärmliche Behausung. Mit dem Ergebnis, dass die breite Masse dies als deutliche Verbesserung ihres Lebensstandards sieht und zufrieden mit der Regierung bleibt.

Ich bin allerdings zuversichtlich, dass das System Internet und seine Kraft schneller, als von den Führungskadern gedacht, die Menschen aufklären wird.

Die jungen Generationen in den Großstädten sind selbstbewußt und konsumorientiert – und auch wenn es Facebook oder Twitter nicht gibt, so haben sie ihre eigenen Social Networks, z.B. Kai Xing (eine Kopie von Facebook, was sonst?).

Wie schon erwähnt, es gibt in der Kommunikation noch sehr wenig Markendenken und so spielen für die Vergabe von Etats an Agenturen größtenteils immer noch andere Argumente als Ideen die entscheidende Rolle.

Nämlich Zahlen. Und Bezahlen.

Es wird in naher Zukunft sehr spannend zu beobachten sein, wie ein Land sich entwickelt, das die marktwirtschaftliche Situation von Deutschland in den 60er Jahren hat. Nur mit der digitalen Kommunikation von heute.

Und mit rund 16mal mehr Verbrauchern.


 












Plakate in Shanghai.
















Ein typischer chinesischer Markt in einer Seitengasse in Beijing.
















Der krasse Gegensatz: Sanlitun Village in Beijing. Ein topmodernes Einkaufszentrum mit allen begehrten Weltmarken (wohl keine Fakes).
















Li-Ning ist die größte chinesische Sportmarke. 

Die Li Ning Company wurde 1990 vom mehrfachen Turn-Olympiasieger und Volksheld Li-Ning gegründet. Erst produzierte seine Firma Sportartikel für adidas und Nike, dann brachte sie ihre eigenen Kollektionen auf den Markt. 

Daher wundert es auch nicht: Logo ähnelt Nike (siehe zwischen den Schaufenstern), der Claim ist der umgedrehte adidas-Version (Impossible is nothing). 

Siehe meinen letzten Artikel.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

li ning soll wohl bald der neue hauptsponsor von real madrid werden, damit auch real in china eine große nummer wird...

ja die asiaten haben ne ganz eigene werbesprache.
kann man das mit den südamerikaner ungefähr vergleichen? die zeigen ja auch nur bildchen weil die leute nicht lesen können?!

aber hauptsache es hat spaß gemacht...

Highner hat gesagt…

Lieber Stefan,

dieser Kommentar gehört nicht zum Artikel, sondern zum Blog allgemein. Ich konnte aber leider weder Kontaktformular noch Impressum oder E-Mail-Adresse finden, deshalb nun hier.

Vor einiger Zeit hast du dein Blog-Design umgestellt und im Zuge dessen wurde dein RSS-/Atom-Feed von vollständigen Artikeln auf Auszüge umgestellt. Das bedeutet, dass bei Lesern deines Blogs nur stark gekürzte Versionen der Artikel im Feedreader ankommen. Für die lange Version muss man bei jedem Artikel den Blog besuchen.

Da du keinerlei Werbung und sicher auch keine bezahlten Posts auf deiner Seite hast, gehe ich davon aus, dass dies ein Versehen war und du nicht wirklich daran interessiert bist, möglichst viele Besucher auf deine Seite zu locken, sondern stattdessen möglichst vielen Interessierten deine Gedanken mitzuteilen. Hierfür sind kurze Feeds sicher der falsche Weg.

Ich bin der Meinung, dass gekürzte Feeds einen Blog (zumindest für Leser, die einen Feedreader nutzen) sehr viel unattraktiver machen. Die Umstellung hat schon jetzt dazu geführt, dass ich nicht mehr jeden Artikel aufmerksam lese, sondern nur noch einige wenige, deren Überschriften mich besonders ansprechen. Bei anderen Blogs hat exakt diese Umstellung auch schon dazu geführt, dass ich deren Lektüre vollständig aufgab.

Dass ich mit dieser Meinung nicht alleine stehe, beweisen zum Beispiel dieser Blog-Post und die Kommentare darunter http://bit.ly/4DJcWu und die Existenz mindestens einer Protest-Website gegen Short-Feeds, deren Name und Adresse mir gerade entfallen sind.

Ich empfehle Dir deshalb, die Feeds wieder umzustellen. Wie man dies bei Blogger genau macht, weiß ich leider nicht. Wenn Du dabei Hilfe brauchst, werde ich aber gerne eine Anleitung besorgen.

Mit besten Grüßen
Heiner

SZ hat gesagt…

@highner: danke sehr für den hinweis, werde ich sofort ändern, wenn ich es hinkriege. Ist nicht absichtlich passiert.

Highner hat gesagt…

@sz Das freut mich. Das Problem scheint auch bereits behoben zu sein. In meinem Feedreader tauchen die Artikel schon wieder komplett auf. Danke und weiter so!

Jen hat gesagt…

Ich bin Chinesin (Beijing) und China ist für mich einfach ein Land der Superlative und Gegensätze – womöglich das Superlativ der Gegensätze…

Kennen Sie auch schon „ANTA“- die andere große chin. Sportmarkte? Das Logo ähnelt ebenfalls dem Nike-Haken…

Zu Ihrem letzten Artikel:

Also ich muss hier einmal richtigstellen, dass das laute Furzen beim Essen keineswegs üblich ist. Wo genau in China haben Sie das erlebt, wenn ich fragen darf? Hingegen gehören das Schmatzen und Schlürfen beim Essen zum „guten Ton“, denn es zeigt, dass einem die Gerichte wirklich schmecken. Das Rumrotzen ekelt mich ein wenig an, es ist aber besonders in den ländlichen Gegenden weit verbreitet. Dort hält man vom Schneuzen übrigens auch recht wenig. Viele Menschen stören sich aber genauso daran, wie wir uns hier am Rumgerotze von einigen Jugendlichen stören. Rotzen zählt also auch in China nicht zu den guten Manieren. Wenn Sie jetzt ein neues Office in Shanghai haben, dann sollten Sie sich zumindest über so grundlegende Dinge wie die Sitten und Gebräuche in diesem Land schlau machen.

Es ist schon überaus schlimm, dass es „ein Land gibt, das hemmungslos alles kopieren darf, ohne dass eine Regierung Einhalt gebietet“… Wirklich erschreckend finde ich, dass in diesem Land hemmungslos Menschen ausgebeutet und Menschenrechte verletzt werden, Meinungsfreiheit ist ein einziger Witz und nichts gebietet der Regierung Einhalt.

SZ hat gesagt…

@Jen: danke für deinen Kommentar. Freut mich, dass sich hier ein "Insider" des Marktes zu Wort meldet, noch dazu in so gutem Deutsch.

Die eigenwilligen "Manieren" habe ich mehrfach erlebt, besonders bei einigen Herren (wohlgemerkt) in der First Class Lounge der Air China am Flughafen in Beijing.

Ich gebe dir aber Recht, dass das nicht der Alltag in den Großstädten zu sein scheint. Allerdings wird damit toleranter umgegangen als in Europa.

Was die Verletzung der Menschenrechte und der Meinungsfreiheit angeht, so ist das sicher ein noch schwerwiegenderes Thema als das Kopieren.

Aber in diesem Blog geht es um Kommunikation und Marken und nicht um Staat und Gesellschaft. Daher der Schwerpunkt auf entsprechende Themen.

Jen hat gesagt…

So ein "Insider" bin ich gar nicht. Ich bin zwar jedes Jahr in China, aber ich lebe mittlerweile seit über zehn Jahren hier in Deutschland. Daher auch mein gutes Deutsch - und das sogar ohne Integrations-Vertrag juhu...Integration wird sicher nicht einfach durch eine olle Unterschrift erreicht.

"in diesem Blog geht es um Kommunikation und Marken" ...ja da bin ich in der Tat zu politisch geworden! Dieses Thema beschäftigt mich eben persönlich sehr...

Ich habe diese "Manieren" bei den feinen Herren so noch nicht erlebt ...aber wow jetzt weiß ich immerhin, dass First-Class-Reisende es nicht nur gut haben und auch mal von ihren Mitmenschen geplagt werden :O)

Von Ihrem Post angeregt, habe ich auch zwei nette Fotos aus China ausgegraben und gepostet. Oh und falls Sie mal eine freie Sekunde haben, googeln Sie doch mal nach der Marke "Clio Coddle"...ich habe mich köstlich amüsiert, als ich das entdeckt hatte.