Dienstag, 20. Oktober 2009

Die "Come in and find out" Neurose.

Es ist mal wieder soweit. Sie kommt so regelmäßig wie die Olympischen Spiele. Die Debatte über englische Slogans in deutscher Werbung. Wer erinnert sich nicht an die leidige Diskussion vor Jahren um den englischen Slogan der Parfümkette Douglas: „Come in and find out“. 


Die Interpretation einiger Verbraucher soll gewesen sein: „Komm rein und finde wieder raus“.


Nur jeder vierte versteht und interpretiert englische Werbeslogans richtig ­– laut einer neuen Studie der Namens-Agentur Endmark (nach vorhergehenden Studien aus 2003 und 2006).


Die Presse zieht sich aktuell an der Levi’s Kampagne „Live unbuttoned“ und einer (!) Fehlinterpretation „lebendig angeknöpft“ hoch (z.B. heutiges Hamburger Abendblatt Seite 21).


Soll eine internationale Marke wie Levi’s in einem Zeitalter, in dem ihre Zielgruppe die Werbung mehrheitlich über das Internet aufnimmt, allen Ernstes im deutschsprachigen Webraum mit einem deutschprachigen Slogan aufkreuzen?


So etwas wie „Sei nicht zugeknöpft“?


Ich denke, der Schaden für die Marke wäre weit größer als die Tatsache, dass ein paar Dämlacks den Slogan falsch verstehen. Im Internet wäre so ein Vorgehen der glatte Verriss.


Werbespezialisten, die sich mit solchen Studie ins Rampenlicht bringen, gehören meistens auch zu den Leuten, die für die zähe Werbesoße verantwortlich sind, die sich täglich über uns ergießt.


Hinter Studien stecken nämlich meistens Marktforscher.


Wer als Kreativer schon einige Zeit im Business unterwegs ist, der weiß, dass Marktforscher (bzw. ihre Untersuchungen) den untrüglichen Killerinstinkt haben, um alle Ecken und Kanten, die Werbung besonders macht, durch Pre- und Posttests gerade zu bügeln.


Wer Werbung schaffen will, die jeder Mensch versteht, der endet mit langweiliger Werbung.


Ungewöhnliche Werbung polarisiert und ist nicht immer sofort löslich. Verdammt, was spricht dagegen, wenn Werbung Verbraucher dazu bringt, etwas mehr nachzudenken?


Man muss einen Slogan bitte auch im Kontext der Kampagne sehen. Ich möchte hier nicht all die deutschen Slogans zitieren, die „keine Sau“ versteht.


Wer die Entwicklung der Akzeptanz von Werbung im Internet verfolgt, der fragt sich sowieso, über was für eine Lapalie hier eigentlich diskutiert wird. Die Werbekarawane donnert doch längst in ganz andere Sphären, wen interessiert da eine läppische Slogan-Diskussion?


Ich empfinde dieses Thema als eine polemische Albernheit von profilierungssüchtigen Medienleuten.


Eine PR-Fachfrau hat uns mal gesagt, wenn du als Agentur ins Gespräch kommen willst, dann mache eine Studie und veröffentliche sie.


Das scheint immer noch zu funktionieren.





Unsägliche Slogan-Diskussion. Am Ende dieses Spots soll dann in Deutschland allen Ernstes „Sei nicht zugeknöpft“ stehen? 

Kommentare:

ramses101 hat gesagt…

Ich kann es auch nicht mehr hören. Und wem es ähnlich geht, dem sei das Bremer Sprachblog ans Herz gelegt, in dem regelmäßig die verqueren Sicht- und Denkweisen der Sprachnörgler bloßgestellt und widerlegt werden:

http://www.iaas.uni-bremen.de/sprachblog/

jochen hat gesagt…

wie wahr... marktforscher, forschungs- und focusgruppen killen zielgenau jede gute idee.

man kann (und darf) einfach nicht allen gefallen bzw. von allen verstanden werden.

(in dem zusammenhang finde ich die bionade "quitte" kampagne sehr schön...)

Anonym hat gesagt…

Vielleicht was für Ihre Sammlung? http://www.youtube.com/watch?v=0mpa49wyT90&feature=popular

:-))

Anonym hat gesagt…

hauptsache die zielgruppe. stimmt.
aber bei 1-2 sekunden rezeption - und immerhin soll der claim doch die kernbotschaft der marke/produktreihe sein - kann ein guter deutschsprachiger claim nicht schaden. und macht die marke nicht weniger international.
ich mag deutsche claims. die muss auch nicht jeder verstehen...

Anonym hat gesagt…

macht ihr werbung für euch und eure coolheit wo deutsch tabu ist, weil es ja nicht hip genug klingt, oder wollt ihr denn konsumenten ansprechen.

glaubt ihr der konsument überlegt in welchem kontext der claim zur kampagne steht und den mist auch noch übersetzen muß? selbst als guter englischsprecher hat man oft probleme den sinn zu verstehen. aber hauptsache englisch, dann ist man ja schon besser als ein geiler text in deutsch.

wenn ein texter noch nicht mal ne gute line in deutsch hinbekommt sondern sich ins englisch flüchtet kann ja was nicht stimmen.

also so einfach kann man das hier nicht abfiedeln...
wieso gibt es denn so viele diskussionen...

ihr formuliert das doch immer so schön mit der marke in 1 sekunde oder so änlich... wenn ich es in 1 sekunde nicht erfasse war es das. dann denke ich nicht nach oder blätter in irgendwelchen lexikas nach einer lösung...

milchsaeure hat gesagt…

Ich habe weder was gegen gute englische Claims in good old germany noch gegen deutsche Claims in GB oder UK ("Vorsprung durch Technik"). Ubercool.

SZ hat gesagt…

@anonym11:11: Der Konsument überlegt nicht, in welchem Kontext der Claim zur Kampagne steht, sondern, ob ihn das gesamte Stück Werbung überzeugt oder nicht. Und manchmal ist eben ein englischer Claim überzeugender. Vor allem, wenn man sich an die Zielgruppe wendet, die sich übers Netz in der ganzen welt tummelt. Was unsere "Marke in 1 Sekunde" angeht, da verwechselst du Strategie mit Kreation.

schlechte werbung hat gesagt…

Ist hier schon etwas älter, aber da ich gerade auch einen Artikel über schlechte Werbung bzw. einen schlechten Claim geschrieben habe, wollt ich auch hier meine Meinung wiedergeben: Ob EN. oder .DE ist mir eigentlich egal, Hauptsache der Claim ist gut, jedoch ist das oft nicht der Fall. Wie bei Schlecker und Douglas zu sehen.