Dienstag, 8. September 2009

Morgendliche Fahrt durch die Wahlwerbung.

Eine unser aller Leben stark beeinflussende Branche und zugleich eines der faszinierendsten Kommunikationsterrains hat momentan seine absolute Werbehochphase.

Das politische Parteiensystem.

Faszinierend ist, dass man nach einer sehr harten und aufreibenden Kampagnenphase knallhart am Wahltag sieht, ob man erfolgreich war.

Wer mal mit Parteienwerbung zu tun hatte oder aufmerksam die Presse liest, der weiß, dass mittlerweile vor allem die große Masse der Unentschlossen und Nichtwähler eine Wahl entscheidet.

Unentschlossen sind all diejenigen, die kurz bis vor dem Gang zur Kabine eigentlich nicht genau wissen, wen sie wählen sollen.

Ich beispielsweise.

Mit diesem Bewußtsein habe ich heute morgen mal die Wahlwerbung auf dem Weg in mein Büro beobachtet. Eine Fahrt vom westlichen Rand Hamburgs nach Eimsbüttel.

Rund 16 Kilometer, 40 Minuten Stop and Go und mit ungefähr 100 Wahlplakaten am Wegesrand.

Ich habe mir zu Beginn der Fahrt vorgenommen, der Partei eine Chance zu geben, die die beste Botschaft und/oder Kampagne hat. Oder das kreativste Motiv.

Mein Eindruck nach 40 Minuten Motivauswahl:

Überall nur Köpfe. Scheint logisch, man wählt ja Menschen. Aber nach dem Aussehen mag ich nicht wählen. Aus dem Auto sehen sie auch alle irgendwie gleich aus.

Überall Schlagwörter. Scheint auch logisch, es sind ja Plakate. Aber die dargebrachten Allgemeinplätze machen mich auch nicht entschlossener.

Sicherheit und Freiheit (CDU), Solidarität (Linke), Jobs Jobs Jobs (Grüne) – und die SPD inszeniert ihren Kanzlerkandidaten mit Kind und Weltkugel und mit so weiterbringenden Headlines wie „Das schaffen unsere Ingenieure. Saubere Energie ohne Atomkraft“.

Die FDP sagt mir gar nix. Ausser Guido zeigen und „Deutschland kann es besser“ claimen.

Schön, dass der Claim der SPD „Unser Land kann mehr“ lautet.

Differenzerung gelungen?

Auch die Claims „Wir haben die Kraft“ (CDU) und „Aus der Krise hilft nur Grün“ sind nicht gerade eine Offenbarung für mich.

Wer sich nach so einer Fahrt zur weiteren Vertiefung die Spots der großen Vier (schwarz, gelb, rot, grün) reinzieht, der fragt sich allen Ernstes:

Warum überhaupt neu wählen, wenn die Parteien in der Werbung wie eine große Koalition auftreten?

Keiner, der sich eigenständig zu positionieren versucht. Keiner, der mal wirklich anders auftritt. Keiner, der mal klar sagt, was er eigentlich ändern will.

Und keiner, der in seinen Wahlplakaten auf eine (spezielle) Internetseite verweist, wo ich vielleicht mal kurz und knapp erfahren kann, was die jeweilige Partei ändern möchte.

Wer hat denn schon Zeit, sich durch die vielen Wahl-Programme zu klicken. Einem dieser Wahl-o-Maten will man es dann auch nicht überlassen.

Ich reife langsam zu dem Entschluss, unter einem der vier auszulosen und den glücklichen Gewinner anzukreuzen, nur weil ich mal gelernt habe, dass ich mit Wahlverweigerung die nervigen Randparteien stärken würde.

Frustrierend: Das einzige, was ich mit meiner Wahl beeinflussen kann, ist etwas Schlimmeres zu verhindern statt etwas Hoffnungsvolles anzuschieben.

Es scheint in unserem sehr lobbyistisch angelegten Parteiensystem unmöglich zu sein, eine große Kampagnen-Idee à la Obama durchzuziehen. Schließlich arbeiten ja keine ganz schlechten Agenturen für die großen Vier.

Mist. Ich bleibe unentschlossen. Bei einem Produkt, das mein Leben mehr beeinflusst als die meisten anderen.







Steinwelle. Eine neue heimliche Cross-Promotion?

"Unser Land kann mehr" zusammen mit "Deutschland kann es besser"?

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Eben, und weil es dein Leben mehr beeinflusst als die Entscheidung über den nächsten Blog Eintrag, sollte man sich schon ein wenig mehr darüber informieren.

Mensch, man soll ja kein politisches Essay über alle Parteien schreiben, aber bis zu Wahl sollten 4 Stunden Recherche reichen. 4 Stunden die gut investiert sind.

Auf den Webseiten der "großen" Parteien gibt es kurz und knackig, was sie wollen. Und wenn du es auf Toilette liest:

CDU:
http://cdu.de/doc/pdfc/090717-kurzfassung-regierungsprogramm.pdf

FDP:
http://www.deutschlandprogramm.de/files/1219/Kurzwahlprogramm_web.pdf

SPD:
http://www.spd.de/de/pdf/parteiprogramme/Regierungsprogramm_2009_KF.pdf

Grüne:
http://www.gruene.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/Wahlprogramm/10fuer09.pdf

Piraten: (die können es leider nicht kurz)
http://www.piratenpartei.de/tmp/Wahlprogramm_Bundestagswahl2009.pdf
http://klarmachen-zum-aendern.de/wp-content/uploads/2009/09/klarmachen-zum-aendern.pdf

Linke und NPD lasse ich mal ob der Unwählbarkeit aus.

Der von dir ja auch verlinkte Wahl-O-Mat hilft auch dabei, zumindest die Tendenzen der Parteien auszuloten, was die Parteien wollen.

Die aktuellen Nachrichten und politischen Entscheidungen der Politiker zeigt ja auch eine Tendenz. (Afghanistan, Netzsperren etc..)

Interessant ist auch: http://www.abgeordnetenwatch.de/

Natürlich muss man sich letzten Endes entscheiden und man kann sicherlich nie alle Punkte einer Partei gutheißen, entscheiden sollte man sich schon.

Oder man macht es halt so: http://german-bash.org/17843

Fabian hat gesagt…

http://www.youtube.com/watch?v=0KJMj9nsPjg

Zwar nicht zur Bundestagswahl, aber doch mal ein anderer, ungewöhnlicher Spot.

robzn hat gesagt…

Mal eine ganz andere Frage: Wie ist die Meinung zu dieser Kampagne? http://www.aids-ist-ein-massenmoerder.de/typo3/index.php?id=aids_kampagne

Anonym hat gesagt…

Au weia... Einfach den wählen, der die beste Kampagne macht? Macht man es sich damit nicht ein wenig zu einfach???
Klar haben die größeren Parteien einige Schnittmengen. Und klar sind zur Wahl vor allem die aktuellen Themen auf jeder Agenda.
Doch Demokratie (auf Bundesebene) ist halt mehr, als alle 4 Jahre ein Kreuz machen. Politik findet vor allem dazwischen statt.

Klar wäre es wünschenswert, dass die Politik die Menschen wieder mehr begeistern kann. Aber als großes Medien-Unterhaltungsspektakel wie in den USA?

SZ hat gesagt…

@robzn: Ich finde sie sehr mutig und sie hat es innerhalb kürzester Zeit in fast alle Headlines geschafft. Sie ist aber nicht nur plump provokant, sondern hat eine starke Zeile. Und auch wenn sie teilweise ziemlich verrissen wird, so kann man mit einer NGO-Kampagne kaum mehr erreichen. Mal sehen, ob die Macher und der "Kunde" das zu Ende durchstehen. Hut ab, Hans und Dirk.

robzn hat gesagt…

@SZ: Danke für Deine Antwort. Ich brauche glaub noch etwas, um eine feste Meinung von der Kampagne zu haben.

Matt hat gesagt…

Piraten.

Einfach mal informieren.

Anonym hat gesagt…

für die FDP ein erstaunlich selbstironischer und lustiger Spot...

http://www.youtube.com/watch?v=MT0e2XMtV3U