Donnerstag, 23. April 2009

Auch Juroren haben Ängste.

Wir, die Jury 15 (digitale Medien), waren härter als früher.

Habe ich mir sagen lassen, denn es war das erste Mal, dass ich in dieser Jury saß.

Was ich sonst noch so aus der ein oder anderen Jury (Funk, Kino, Plakat) gehört habe, so waren die das auch.

Nicht nur härter im Anlegen der Meßlatte. Sondern auch härter gegen Fakes.

Die ADC Juryarbeit 2009 ist vorbei. Ich würde sagen, von den – ich glaube – 17 Arbeiten, die ins Buch kommen, sind maximal 1 oder 2 mit extremen Schielauge ausschließlich auf den Wettbewerb entstanden.

Das ist doch ein Fortschritt. Zumal in der Kategorie "digitale Medien" sehr viele ambitionierte Goldsonderbauwerke zu begutachten waren.

Wenn es gut läuft, wird eine Arbeit am Samstag abend auch eine Goldmedaille erhalten. Das wird sich aber erst auf der Bühne entscheiden.

Diese eine Arbeit hätte es verdient, weil sie die gelungene Kombination aus Online und Offline geschaffen und schöne Emotionen ausgelöst hat.

Nein, ích werde hier nichts verraten, ich halte mich an meine Juror-Schweigepflicht.

Als wir gegen 12:30h die Shortlist festgeklopft hatten, kam plötzlich das ungute Gefühl auf, ob wir bei der spärlichen Anzahl an Titelaspiranten überhaupt eine Silber- oder Goldmedaille vergeben würden.

Es entstand doch tatsächlich die Angst, dass diese Jury ein falsches Signal aussenden könnte: digitale Medien findet am Samstag abend auf der Bühne nicht statt (dort werden bekanntlich nur Gold- und Silbermedaillen aufgerufen).

Einer der wenigen seit Jahren wachsenden Branchenzweige hat keine Ideen mehr? Ist das nicht ein ganz falsches Signal an die Kunden, die ihre Aufträge dann ins Ausland vergeben, weil wir hier keine Ideen mehr haben?

Mir verschlug es die Sprache. Was für ein Argument.

Lieber aus Bronze schnell noch ein Silber machen, damit keiner denkt, die Branche hat ein Problem?

Dabei hat sie das, denn Kunden gehen aufgrund spärlicher Budgets auch weniger Risiken ein. Das ebenso spärlichere Ergebnis der Jury ist ein Spiegel davon.

Beim ADC sollte es einzig und allein darum gehen, ob eine Arbeit die Kriterien von Orginalität, Klarheit, Freude und Innovation erfüllt. Und nicht, welche Auswirkungen das für einen Berufszweig hat.

Ihr seht, liebe Leser, auch die Gedanken eines Juroren gehen manchmal eigenartige Wege. Und in meiner mittlerweile langen Jurygeschichte hatte ich diese Argumentation noch nie gehört.

Nun, die Sorge dürfte sich verflüchtigt haben, denn es wird auf jeden Fall zwei Silbermedaillen, vielleicht ja sogar noch Gold bei "digitale Medien" geben.

So schließe ich meinen Tagesbericht mit besten Grüßen an die Vollpfosten, deren Bestätigung des Kunden, dass ihre Arbeit auch beauftragt wurde und erschienen ist, mit folgendem Wortlaut eingeleitet wurde (oder so ähnlich):

Hiermit bestätige ich (der Kunde), diese Goldidee in Auftrag gegeben zu haben.

Auch so kann man sich seiner Medaillenchancen berauben.

Ich entschwinde nun aus Berlin in die schwedische Hauptstadt.

Erwartet also keine weiteren ADC-Tagesberichte mehr von mir.

Ich werde morgen oder übermorgen aber noch eine interessante Erfahrung aus dem Wettbewerb zum Besten geben.




So sieht es aus, wenn eure Arbeiten von der Jury im Container begutachtet werden.


Im Vordergrund die Shortlist auf meinen Knien, im Hintergrund die Juroren auf dem Zahnfleisch.

Kommentare:

sossenteufel hat gesagt…

nachtigall, ick hör dir trapsen...

die runde im container sieh so richtig nach arbeit aus - find ich gut! ;]

phil hat gesagt…

das ist wirklich mal eine berichterstattung, die man so gerne liest. danke.

Anonym hat gesagt…

hab noch stimmungsberichte aus zwei angenturlagern gehört. diese gingen dann deutlicher in die richtung, dass sie irgendwie "mies" war.

ganz ehrlich: ich finde es auch schade. du sagst: "(...) Zumal in der Kategorie "digitale Medien" sehr viele ambitionierte Goldsonderbauwerke zu begutachten waren." und später "Beim ADC sollte es einzig und allein darum gehen, ob eine Arbeit die Kriterien von Orginalität, Klarheit, Freude und Innovation erfüllt."

das heisst einerseits, dass es da offensichtlich noch mehr richtig geile ideen gegeben hat... um die es ja gehen sollte - die vor allem auch zeigen, was möglich und machbar ist und wie man es auch hätte machen können. GERADE auch den Kunden.

ein bisschen leid tun mir auch der ambitionierte nachwuchs. die oberen etagen rufen ja nach gold. und dafür wurde auch im letzten jahr wieder echt gelitten. für den einzelen gehts ja in erster linie nicht ums agentur renomee. sondern um die eigene mappe und den eigenen weg.

ABER: ich würde mir hier auch englischere verhältnisse wünschen. dass die ganze energie auf die kundenbriefings gesteuert wird und dieser auch tolle ideen zulässt. es bleibt einfach das schale gefühl. dass dieses "signal" kein schwein interessiert - das nicht die richtige antwort war.

SZ hat gesagt…

@anon11:11h: Ich kann deine Gefühlslage verstehen, aber wenn du in einer Jury sitzt und das Gefühl hast, nur noch Arbeiten zu sehen, die die pure Absicht haben, die jeweiligen Agenturen in die Kreativrankings zu bringen, dann fühlst du dich benutzt. Und hinzu kommt,dass du durch die meist irrelevanten Ideen dich auch noch verarscht siehst.

Sowas will ich nicht als Vorbild für den Nachwuchs im Buch sehen.

Es stimmt, die Stimmung in den Jurys war schon besser, aber es liegt auch daran, dass immer mehr Leute versuchen, mit künstlichen Ideen zu punkten.

Wir hatten ein Beispiel, das im Erklärungsfilm eine Mailing-Idee zeigte. Nicht unclever und durchaus ungewöhnlich. Das Mailing selbst konnten wir aber nicht ausprobieren. Und mehrere Juroren waren sich einig, dass die Idee technisch auch gar nicht praktikabel wäre.

Was nützt es also, Fake-Ideen zu belohnen, wenn sie total Banane sind?

Ich glaube, wir bekommen erst englische Verhältnisse, wenn dieser ganze oberflächliche Fake-Kram nicht mehr die Hälfte aller Preise ausmacht, sondern die absolute Ausnahme ist.

Irgendwann muss der Anfang gemacht werden. Es wird sich erst in ein oder zwei jahren zeigen, ob der ADC 2009 das Zeug dazu hatte.

Veränderungen schmerzen immer (gerade die, die am meisten darunter leiden, die Schrubber und Nachtschichtler)
, aber sonst wird sich nichts ändern.

Anonym hat gesagt…

WORD!

Anonym hat gesagt…

Altaaaaaa. Waren heute auf der Ausstellung. Schlecht.


UND AM SCHLIMMSTEN: SCHOLZ & FRIENDS.
Boah ich hasse die voll. Machen den ganzen Tag voll den Dreck und zum ADC kloppen die wieder Goldideen ohne Ende raus und feiern sich wieder ab. KATASTROPHE!

Anonym hat gesagt…

SCHOLZ AND FRIENDS SIND HOMOSEXUELL, SCHWUL, HOMOSEXUELL, SCHWUL!

Anonym hat gesagt…

ich würde es jetzt nicht ganz so drastisch ausdrücken, aber mich inhaltlich meinem vorschreiber anschliessen.

und noch ein bisschen weitergehen.
nach deinen ankündigungen habe ich echt erwartet, dass auf der ausstellung andere dinge hängen.

weniger goldideen. aber. weit gefehlt. wohin das auge geblickt hat. goldig.

Anonym hat gesagt…

ich war auch dort und bin fassungslos zurück gefahren. als ich wieder in hh war bin ich über ein interview v kassei im netz gestolpert der sich wie folgendt geäußert hat...

die prämierten Arbeiten basieren alle auf ungesehenen kommunikativen Lösungen, die helfen, die Probleme der Kunden zu lösen.

als ungesehen im sinne von fakes gabs meiner meinung nach in jeder kategorie nur zur genüge. da hat der gute mann völlig recht. einfach nur lächerlich.

zum teil sind arbeiten ausgezeichnet worden die in meiner agentur noch nicht mal dahin geschickt worden wären.

selbst für aussenstehende war offensichtlich das bei den entscheidungen geschoben worden sein muss!!!

warum muss man gold, silber oder bronze geben wenn es eigentlich keine arbeit verdient hat?

nochmal zum thema, das soll dem kunden helfen? schauen da eigentlich auch mal welche vorbei? wissen die was da von ihnen hängt?

es gab soviele beispiele die meiner meinung nach disskussionswürdig wären. aber na ja...

Wurstbrot hat gesagt…

Da drängt sich nun doch der Verdacht auf, daß die Container keine Container, sondern dixi-Klohäuschen
waren. Die Ergebnisse weissen darauf hin. Aber dieser
Club kann tagen wo er will und wann er will, raus kommt immer die gleiche ...... . Und trotzdem leckt sich jeder die Finger nach einem Preis von diesem Verein. Das verstehe, wer will.

Anonym hat gesagt…

Das war ja mal ein total Auswahl.
Wenn ich mir anschaue, was von den ausgezeichneten Arbeiten international ne Chance hat, dann komm ich vielleicht auf ein oder zwei oder auch keine Arbeit.

Die meisten Ideen waren einfach viel zu klein gedacht.

Außerdem hat man gesehen, dass sich nicht wirklich einer traut was polarisierendes zu machen, wo auch was hinter steckt.

SZ hat gesagt…

Leider war ich nach meiner Juryarbeit – ab Donnerstag abend – nicht mehr in Berlin.

Nachdem ich heute mal die prämierten Arbeiten durchgesehen habe, stelle ich fest, dass bei Gold und Silber eine ganz geringe Anzahl Fakes dabei ist (am ehesten noch bei PZ und Plakat).

Das ist doch mal ein Anfang zum Besseren für den ADC.

Bei Bronze und Auszeichnung ist es traditionell so, dass hier die gegenseitigen Absprachen stark zum Tragen kommen und man sich in der Tat über viele ausgezeichnete Arbeiten wundert.

das ist, wie ich schon mehrfach geschrieben habe, dem Jurysystem geschuldet. Unsere Jurywahl erlaubt zu viel Kumpeleien (ich empfehle deine Arbeit, wenn du noch mal meine Arbeit empfiehlst).

Was nun die Qualität der Gold- und Silberarbeiten angeht, so sehe ich doch echt verdiente Werke dabei, allen voran das Hornbach-Haus. Und auch die YouTube-Aktion zur Europameisterschaft kann international bestehen. Die 60-Jahre-UN-Plakate sind eine simple, starke und international ebenfalls funktionierende Idee (wenn es die nicht schon mal so gab, was ich nicht weiß, es mir aber so erscheint).

Was gibt es daran also zu meckern, liebe Leser?

Anonym hat gesagt…

WOW. 3 Arbeiten auf internationalem Niveau.

Wobei man sich auch fragt:
Letztes Jahr ist der "Nothing" Funkspot knapp am Funk Grand Prix in Cannes vorbeigeschrammt und dieses Jahr gabs nur Silber beim ADC. Auch strange.

SZ hat gesagt…

Also, ich denke, bei den Gold- und Silbermedaillen sind mehr als 3 international fähige Arbeiten dabei. Die drei, die ich genannt habe, fielen mir nur zuerst ein.

Dass es Arbeiten gibt, die in Deutschland schlechter bewertet werden als international ist auch kein neues Phänomen. Wie gesagt, unsere Jurys sind einfach nicht souverän genug besetzt.

Martin hat gesagt…

sorry, lese das teil jetzt erst, aber einen comment muss ich loswerden:

stefan, du sagst, die jurys sind "nicht souverän genug besetzt". das ist, mit verlaub, unwahr. in wahrheit sind sie blendend besetzt.

zumindest, wenn man eine organisation mit einer vision ist. denn eine organisation, die es sich leisten kann, jemanden wie dich, stefan, in eine digital jury zu schicken, kann nur ein ziel haben: den beschleunigten abstieg aus dem elfenbeinturm, hinein in den container. und wenn ich deine(n) artikel richtig gelesen habe, hat das ja schon ganz gut geklappt.

wann also sehen wir euch außerhalb des containers? oder besser noch: gar nicht mehr?

damit wir uns nicht falsch verstehen: ich stelle nicht dich bzw deine kreative expertise innerhalb deines core businesses in frage, sondern das system. dank dir wird mir erst jetzt bewusst, dass unsere deprimierende bilanz beim adc darauf zurückzuführen ist, dass menschen dinge bewerten, von denen sie offensichtlich (ich war ja nicht dabei) keine ahnung haben.

wir waren mit 4 megaprojekten drin, die global (z.b. global adc) medaillen abgeräumt haben (die meisten davon in gold, und alle auf blue chip clients für echte projekte) - dies nur zur klärung.

ich hatte mich, ehrlich gesagt, zuerst geärgert.

dann schlug es in trotz um ("provinzler, die haben halt keine ahnung").

dann kam die die erleuchtung: wer, wie wir, soviele awards überall auf der welt holt, muss eines sein, wenn er beim deutschen adc einreicht: bescheuert.

diese zuerst nur eigenanalytisch erlangte erkenntnis hatte den makel des verifizierenden beweises. das hast du jetzt freundlicher weise mit deinen innenansichten des adc 2009 für mich übernommen.

dafür vielen dank, und für die artikel (und wie sie geschrieben sind) viel lob.

M

SZ hat gesagt…

@Martin: Ich kann dich trotz des Vornamens leider nicht zuordnen und deshalb fällt es mir auch schwer, auf das Gesagte richtig reflektieren. So ganz verstehe ich deinen Kommentar nicht. Was soll er unterm Strich ausdrücken? Dass es beschissen ist, wenn Typen wie ich in einer online Jury sitzen? Oder gar keine Ahnung davon haben? Dass der ADC einfach eine Provinzveranstaltung ist, die man als kreativer Globalplayer meiden sollte? Wenn du Lust hast, kannst du mich ja noch mal erhellen, zur Not auch per e-mail.