Montag, 23. März 2009

Lieblingswörter.

Vollpfosten. Dieses Wort habe ich neulich im Radio gehört, als ich morgens in die Agentur gefahren bin. Ein anderes Wort für Trottel.

Das Wort gefiel mir und ich prägte es mir sofort ein.

In meiner Texterzeit gab es immer wieder Worte, die mir ins Auge oder Ohr gesprungen sind. Worte, die ich dann eine Zeit lang häufiger benutze.

In Booklets. In Handouts. In Präsentationen. In Gesprächen. Und wenn es irgendwie geht: in Headlines oder Copies.

(Die Chance, dass Vollpfosten in einer meiner Headlines auftaucht, ist natürlich verschwindend gering).

Diese Lieblingsworte kommen und gehen.

Klar, es gibt Worte, um die man in seinem Texteralltag nicht herum kommt. Die quasi zur Grundaustattung gehören.

Ich. Du. Sie. Können. Wollen. Müssen. Lieben. Sprechen. Denken.

Und für Werber: Neu. Qualität. Innovation.

Lieblingsworte sind dagegen die Begriffe, die irgendwie anders klingen. Am Ende verhalten sich solche Worte wie ein guter Spot. Sie überraschen den anderen. Und erhöhen seine Aufmerksamkeit.

Dem ein oder anderen Feinsemantiker wird auffallen, dass es Worte gibt, die geschrieben besser wirken als gesprochen. Und umgekehrt.

Was man in einer Präsentation merkt, wenn man das Wort plötzlich aussprechen und betonen muss.

Weiter gibt es Lieblingsworte, die man nur deshalb gerne benutzt, weil man weiß, dass Kunden darauf stehen.

Solche Worte waren früher „Synergie“, „Effizienz“ oder „Return of Investment“.

Heute sind das eher „intergriert“, „Guerilla“ oder „low budget“.

Vor der letzteren Sorte hat man kein Respekt, aber man schickt sie trotzdem ins Rennen. Verbalnutten, sozusagen. Man weiß, der Ansprechpartner fährt darauf ab.

Meine Lieblingswörter sind meistens auch keine Fremdwörter. Bei häufiger Wahl von seltenen Fremdworten erweckt man schnell den Eindruck, besonders intelligent wirken zu wollen.

Das erinnert mich an die Menschen, die nach Amerika ausgewandert sind, und bei ihrer Rückkehr nach Deutschland immer so ein aufgesetztes US-Deutsch reden, um jedem zu signalisieren, dass sie eigentlich lieber wie Amerikaner sind.

Boris Becker gab sich früher in vielen Interviews so.

You know, isch lebe jetzt mit meine family in Miami. But, wie sagt man in German, heritage, ja genau, meine Herkunft ist Deutsch.

Schnitt.

Welche Worte haben mir in den letzten Wochen ausser Vollpfosten noch besonders gefallen?

Tausendsassa.

Perplex.

Umgekehrt gibt es Worte, die ich gar nicht mag.

Zeitnah.

Kostenneutral.

Cool.

Was nicht heisst, dass ich sie ab und zu doch benutze. Man fährt ja schliesslich manchmal auch in Autos, die einem nicht gefallen, aber ihren Zweck erfüllen (z.B. Taxi).

Die Gesesllschaft für deutsche Sprache kürt übrigens seit 1977 das Wort des Jahres. Dazu gibt es selbstverständlich auch eine Gegenbewegung: das Unwort des Jahres.

Diese Worte haben meistens mit gewissen Zeiterscheinungen zu tun. Finanzkrise war das Wort des Jahres 2008.

Wen wundert es.

Bei Texters Lieblingswörter geht es um Worte, die nicht so häufig benutzt werden.

So.

Ich verbleibe in freudiger Erwartung auf eure aktuellen Lieblingsworte.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

"gipfel" über gipfel bin ich letzte woche genau so gestolpert. muss man sich mal auf der zunge zergehen lassen. hat doch irgendwie punch. hab dann auch gleich versucht, das wort in einer zeile zu verwursten. wurde dann aber weiter nichts draus.

Anonym hat gesagt…

Ich mache mich jetzt vielleicht unbeliebt, aber das Wort Joghurt sollte wirklich mal umgetauft werden. Je länger man über Joghurt nachdenkt, um so schräger kommt es einem vor...

Verliererkollektiv hat was. Stammt glaube ich von Peter Sloterdijk.

Anonym hat gesagt…

Ach, es gibt diese nachgelaberten Worte. Beim ersten Mal denkt man, ach, wie schön, mal was Neues bzw. mal anders verwendet. Und dann quatschen es auf einmal die Leute nach, die einem ansonsten nur durch ihr Stottern und ihre Unspiriertheit auffallen. Dann fallen diese Worte gleich durchs Rost. Ich mache mir übrigens jedes Jahr ein eigenes "Wort zum neuen Jahr". 2009 ist es das ordinäre Wort "Glück", weil ich mir dachte, das hat so merkwürdige zwei Seiten und auf jedenfall kann ich beide Seiten 09 gut gebrauchen. Für 08 war es "gehen". Aber abgesehen davon, habe ich auch ein aktuelles Wort anzubieten als Alternative zum Kollegen Vollpfosten: Lauch. Man nutzt es etwas so: "Du Lauch." Oder: "So'n Lauch." Hat hier bestimmt noch keiner gehört, oder?

Anonym hat gesagt…

Ich mag das Wort Schietwedder. Es passt einfach, besonders heute.

Viel schlimmer als die zurückgekehrten Deutschen, die haben wenigstens noch eine schlechte Entschuldigung für ihr schlechtes Deutsch, finde ich Phrasen wie "Bist du damit fein?" oder die Angewohnheit, Jahreszahlen ein "in" voranzustellen (z.B. "Neu in 2009"). Letzters liest man zunehmend oft in Copies und Headlines. Werden Texter betriebsblind (auch ein schönes Wort)?

ramses101 hat gesagt…

Vollpfosten gefällt mir auch, ich glaube, das liegt am "voll". Das macht es so schön stark. Ich finde auch, dass "Vollidiot" eins der schönsten Schimpfwörter überhaupt ist.

Was ich ganz großartig finde: Zuckerbäcker. Da kann doch jeder Konditor einpacken.

Anonym hat gesagt…

Mein aktueller Liebling ist "Lombatz"(ich hoffe die Schreibweise ist korrekt.


Grundsätzlich finde ich norddeutsche-plattdeutsche Slangbegriffe höchstzinteressant. Z.B. auch "Krusen Büdel".

SZ hat gesagt…

Lieblingswörter scheinen ein echtes Zugpferd zu sein. Aber ist es nicht amüsant, dass die meisten Kommentatoren ihre verbalen Vorlieben unter dem Unwort "Anonym" erzählen?

Anonym hat gesagt…

Ich stehe auch auf plattdeutsche Schimpfwörter. Die klingen so niedlich: Schietbüdel, Döspaddel etc. Auch schön: Klappspaten. Der steht in der Garage gleich neben dem Vollpfosten.

NathanPortnoy hat gesagt…

Zur Kategorie Vollpfosten gefällt mir Gesichtselfmeter sehr gut.

Aber ein Wort, dass ich mir auf der Zunge zergehen lasse, ist: handgreiflich

ramses101 hat gesagt…

@anonym 18.33: Was soll denn das überhaupt sein? Muss zu meiner Schande gestehen, dass mir das Wort "Lombatz" (oder auch der Begriff, bei anderer Schreibweise) unbekannt ist.

Plattdeutsch ist großartig. Döspaddel, Dröhnbüdel ... aber nicht nur als Geschimpfe. Ich musste seinerszeit Harry Potter lesen, um überhaupt zu wissen, wovon die eigentlich alle reden (kann als Texter ja nicht schaden) und hab mir deshalb "Harry Potter un de Wunnersteen" besorgt. Harry Potter rauf platt, weltklasse.

Sehr empfehlenswert auch das Lexikon der Plattdeutschen Schimpfwörter.

Mehmet Karabulut hat gesagt…

"pregnant", nicht schwanger im englischen, sondern pregnant. Das höre ich in der Agentur bestimmt 190348140749 Mal am Tag...

Anonym hat gesagt…

Ich möchte mich hier nicht zu weit aus dem Fenster lehnen (da freut sich das Phrasen-Schwein), aber es schreibt sich prägnant - mit einem ä - und nicht pregnant. Wenngleich es meines Wissens nach sehr wohl von "schwanger, geschwängert" abgeleitet wird, aber aus dem Lateinischen.

Mein erster Klugscheißer-Post. Ich bin begeistert. MfG isnirrtum

Anonym hat gesagt…

Meine Lieblingswörter derzeit:
(1) "Horst"
Man kann auch gerne einen "Vollhorst" draus machen.
(2) "Moped" (gesprochen wie Moppet)
Ersetzt das klassische "Dings".
(3) "Zusammenreißen"
Eine der faszinierendsten deutschen Wortkombination. Wie soll man bitte etwas zusammen reißen können?

Meine Hasswörter derzeit:
(1) "In die Tüte gesprochen"
(2) "Maklercourtage"
(3) "dufte"

Anonym hat gesagt…

Ja, mit "in die Tüte gesprochen" bin ich auch gar nicht fein. Gruselige Werberkrankheit! Ist aber heilbar, hoffe ich.

Sicherheitsbeamter ist auch ein schönes Wort. Ein Hauch von Bürokratie und Gründlichkeit. Darauf kann man sich verlassen. F... Security ;) Passt bloß nicht auf schmale Kreuze. Andererseits können Sicherheitsbeamte auch ruhig XXL sein.

OL hat gesagt…

Wanderbaustelle
Breitseite

Und zwei Worte, deren Klang die Bedeutung vollkommen macht:
mondän und souverän.

Anonym hat gesagt…

klang & bedeutung, teil 2: monoton.

Anonym hat gesagt…

Schön antik:

Kladderadatsch
Verhohnepipeln
Karacho
Schlendrian

Anonym hat gesagt…

ich mag das wort "derbst" und "übelst". "enorm" find ich auch gut, oder auch "bestialisch". das sind gute wörter. :-) schlechte wörter sind wörter wie "fördernd", "beispielhaft" oder "korrekt". ich krieg schon die krise wenn ich diese wörter vor mir geschrieben sehe... noch schlimmer sind abkürzungen, sind zwar keine wörter, aber dennoch nichts schönes. oder noch schlimmer find ich dieses zeichen hier: ".../...".
das macht mich echt total kirre - ...kirre, noch ein gutes wort!