Dienstag, 24. März 2009

Delirium.

Gestern erst haben wir über Lieblingswörter philosophiert. Das Wort Delirium ist auch ein schöner wie seltener Begriff und könnte leicht einen Platz in meiner „All time favorites“-Wörterliste finden.

Wenn es eine gäbe.

Delirium ist aber auch der Name eines neuen TV-Spots für Timberland.

Ich denke, dass man mir nicht vorwerfen kann, in diesem Blog extrem mit Eigenlob um mich zu werfen, aber wenn unsere Agentur einen guten Spot produziert, dann möchte ich ihn auch erwähnen dürfen.

Zumal er nicht aus der Hamburger Agentur stammt, sondern von unseren englischen Kollegen entwickelt wurde.

Leagas Delaney hat übrigens schon vor Jahrzehnten für die Marke Timberland gearbeitet.

Hier eine der bekanntesten Anzeigen der damaligen Zeit:



Timberland-Anzeige von Leagas Delaney aus den 80er Jahren.

Letztes Jahr nun haben die Londoner den Kunden ein zweites Mal für sich begeistern können. Mit einer ganz einfachen Straegie.

Back to the roots.

Timberland war zu einer Modearke mutiert und hat in der Masse der Fashionlabels sein Profil verloren.

Jetzt besinnt sich die Marke wieder auf ihren Kern, nämlich Outdoor, und zeigt sich in der Natur und deren Urgewalten als verlässlicher Partner.

Im Spot „Delirium“ sieht man einen Schiffbrüchigen, der seine Rettungs-Halluzinationen beschreibt. Um am Ende von einem ganz profanen Windstoß gerettet zu werden.

Weil er Schuhe aus umweltfreundlichen Material trägt (Earthkeeper), hat ihm die Natur geholfen, den Weg zurück in die Zivilisation zu finden.

Der Gedanke „Natur belohnt dich, wenn du umweltfreundlich handelst“ mag nicht ganz neu sein, aber er ist so ungewöhnlich umgesetzt, dass man gerne darüber hinweg sieht.

Oder?





TVC „Delirium“ für Timberland von Leagas Delaney London.

Kommentare:

foren hat gesagt…

Die Briten haben keine Angst vor großem Gefühl und einem gewissen Pathos. Ich könnte mir vorstellen, dass man mit diesem Film mehr Menschen abholt, als mit zelebrierter Jugendkultur oder clever kalkulierter Zielgruppen-Massage.

Anonym hat gesagt…

Sehr schöner Spot.

Auch ein toller Sprecher.

Und jetzt stellen wir uns solch eine Idee mal in Deutschland vor (den nachfolgenden Text stelle man sich bitte in so einem fies-jovialen Ton vor, in dem sonst Chefs Dinge sagen wie "Sie wissen, ich bin kein großer Redner", bevor sie zu einer dreistündigen Rede auf der Weihnachtsfeier ansetzen):

"So, Herr Zschaler, das ist also Ihre Idee für Timberland? Sehr interessant. Ich will Ihnen aber jetzt mal was sagen: Der Mann, also, der sieht doch aus wie ein Penner! Und wollen Sie etwa sagen, unsere Kunden können nicht richtig segeln? Und See-Ungeheuer, ich bitte Sie, wir sind doch nicht bei Arielle, dieser Meerjungfrau von Disney. Und überhaupt, der arme Kerl stirbt doch fast, nein, nein, lassen Sie mich das bitte noch sagen, der stirbt doch fast, das ist dann ja mal eine ganz tolle Positionierung für unsere Marke.
Könnten wir da nicht einen jungen Mann zeigen, der in einem schicken Timberland-Laden ein Paar Schuhe kauft und die Verkäuferin ist so eine kleine Blonde, wie hier unsere Monika aus der Buchhaltung, ach, kennen Sie nicht, egal, also die zwinkert dem Mann so zu, knick-knack, wir verstehen uns.
So, jetzt ist unser Mann auf einem Berg, natürlich schön in der Sonne und wer steht da plötzlich oben, als er ankommt? Ja, genau, unsere Timberland-Verkäuferin aus dem Laden, Herr Zschaler, ich bitte Sie, das macht doch viel mehr Stimmung als so eine Titanic für Arme, aber ich will Ihnen da keine Vorschriften machen, Sie sind der Kreative!"

(Nein, ich arbeite nicht auf Kundenseite)

sossenteufel hat gesagt…

vor zwei oder drei jahren hätte ich noch gesagt "hey, da traut sich jemand was. da setzt jemand auf mutter natur!". heute ist es zweifellos immer noch eine gute idee, geht aber leider im allgemeinen "go green gefühl" der werbung unter.

SZ hat gesagt…

@Anonym09:47h: Was dich bestätigen wird ist die Tatsache, dass der deutsche Markt den Spot erst einmal nicht einsetzt. Dennoch glaube ich, dass sich die Einstellung von Kunden in den nächsten Monaten und Jahren wandeln wird, denn die Ansprüche ihrer Zielgruppen an Kommunikation wandeln sich gerade fundamental. Das ist nur noch nicht bis in die letzte Marketingetage durchgedrungen. Vielleicht auch eine Generationen-Sache. Es bleibt spannend.

Fabian hat gesagt…

auch sehr schön:

http://www.youtube.com/watch?v=1wwXfAFQoh8

Anonym hat gesagt…

Mal ehrlich, was nützt umweltfreundliches Material, wenn ein Produkt in China unter zweifelhaften Bedingungen hergestellt wird?

Die wirklich kritischen Konsumenten (leider gibt es davon noch viel zu wenig) lassen sich nichts vormachen. Sie glauben ja auch nicht, dass Apple Computer "grün" sind. Und die Werbung behauptet es trotzdem. Ich befürchte eine Welle von "Mogelpackungen", pseudo-grün, um lifestyle-ig das Gewissen zu beruhigen.

Ich hoffe, der beworbene Timberland-Schuh wird in einer Fabrik hergestellt, die keine verdreckten Abwässer in die Flüsse und Meere leitet, keine ungefilterten Abgase in die Luft pustet und ihre Arbeiter wie Menschen behandelt. Dann gefällt mir der Spot auch.

meistermochi hat gesagt…

der spot ist extraklasse, weil er hollywood ist, aber nicht abrutscht.

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die anzeige geht in meinen augen nicht. ich will das auch gar nicht als hochachtungsvolle verbeugung vor originärer schuhherstellung verstehen.

da könnte comedy central ja auch schreiben:

"wir haben ihnen alles genommen, sie ins arbeitslager geschickt und millionen ermordet.

jetzt lassen wir sie wieder machen, was sie am besten können: witze.

ben stiller und co.
jetzt auf comedy central."

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nee, also sowas geht einfach nicht. und für mich ist zerstörung der indianischen kultur - ohne, dass ich viel dafür übrig hätte - ebenso ein schlimmer sündenfall der menschheitsgeschichte. natürlich ganz anders als der holocaust, aber trotzdem kann man da nicht so eine süffisante pointe draus basteln. auch wenn es schon ewig her ist.

Sybille Rauch hat gesagt…

Gemessen an toller Kreation finde den Spot "ganz nett." Nicht mehr und nicht weniger.

Gemessen am deutschen Werbemarkt "herausragend." Gemessen an der Tatsache, dass Tim Delaney und Rob Burleigh ihn geschrieben haben (falls das stimmt?), finde ich ihn eher schwach.

Da guck ich mir dann lieber wieder das Leagas-Reel aus den 80-90ern an.